Where the Gods Fall
Where the Gods Fall
Alisa Martynova
25. Juli 2025
LFI: Was fasziniert Sie an den griechischen Mythen und Göttern – und was spiegeln Ihre Bilder wider?
Alisa Martynova: Ich habe das Gefühl, dass griechische Mythen- und Göttergeschichten in unserem Blut liegen. Wir lernen sie als Kinder in der Schule. Wir kennen die Legenden fast auswendig, und die Ausdrücke, die sie inspirieren, sind immer noch weit verbreitet: „Achillesferse“, „Büchse der Pandora“, „Herkulesaufgabe“. Ich war zuvor noch nie in Griechenland gewesen, für mich war Kreta also eine Art mythisches Land, heimgesucht von den Geschichten und Legenden, die sich dort zugetragen hatten. Als ich ankam, stieß ich auf einen unerwarteten Kontrast: Fast alle historischen Gebäude waren verschwunden oder lagen in Trümmern, und an der Küste reihten sich Luxushotels aneinander. Der Name des Projekts spiegelt diese Dekadenz wider, und in meinen Bildern versuchte ich, eine traumhafte Dimension von Magie und Geist in einem Land zu finden, das von Touristen überflutet ist.
Wie genau sah Ihr fotografischer Ansatz aus?
Da ich nicht viel über den Ort wusste, war mein Ansatz sehr intuitiv. Ich kehrte zu einer freieren Form der Fotografie zurück, ließ mich von meinem Blick über die Insel führen. Dank des Kurators erhielt ich Zugang zu den ländlichen Teilen der Insel – kleinen Dörfern in den Bergen oberhalb der Küste, im Herzen Kretas. Sie boten einen völlig anderen Lebensrhythmus: Generationen von Kretern lebten dort inmitten von Olivenhainen, noch immer verbunden mit dem Rhythmus der Landwirtschaft und relativ unberührt vom Tourismus. Die meiste Zeit unternahm ich Roadtrips über die Insel. Ich machte mich jeden Morgen auf, um neue Orte zu entdecken, sah die schwerwiegenden Folgen des Klimawandels. Eines Tages folgte ich den Wegbeschreibungen zu einer „lebhaften Schlucht”, nur um festzustellen, dass sie ausgetrocknet war.
Wie hat sich die Leica SL2-S für Ihr Projekt bewährt?
Ich arbeite nun schon seit einigen Jahren mit Leica und könnte mir wirklich keinen besseren fotografischen Begleiter wünschen. Ich bin ziemlich anspruchsvoll, wenn es um die Ausrüstung geht. Ich fotografiere den ganzen Tag lang, oft unter schwierigen Lichtverhältnissen, und ich liebe es, satte, kräftige Farben zu verwenden. Die Leica SL2-S mit einem 24–90-Millimeter-Zoomobjektiv war perfekt für diese Arbeit. Ich konnte weitläufige Landschaften ohne Detailverlust, aber auch intime Porträts ohne Verzerrung aufnehmen. Das Objektiv ermöglichte es mir, das dramatische Licht der Insel einzufangen, das schnell von gleißender Helligkeit zu sanfter Dämmerung wechseln kann. Was ich an der Wiedergabe von Leica liebe, ist diese subtile Weichheit, eine Art organischer Textur, die unsere Wahrnehmung der Welt nachahmt. Sie lässt die Farben atmen und harmonisch miteinander verschmelzen, was für diese Serie besonders wichtig war.
Es scheint, als würden Sie Ihren Bildern etwas über die Oberfläche legen, das der Realität einen Hauch von Transzendenz verleiht.
Ja, dieser Effekt wird größtenteils durch die Verwendung von Farbfiltern erzielt, die ich oft in meine Arbeit einbaue. Sie ermöglichen es mir, die Wahrnehmung des Bildes bereits in der Kamera zu verändern, nicht nur in der Nachbearbeitung, und das ist mir wichtig. Ich möchte, dass die Transformation im Moment stattfindet, als Teil des Sehens. Anfangs habe ich experimentiert, habe verschiedene Filter ausprobiert, um zu sehen, wie sie mit der Farbpalette der Insel interagieren. Aber im Laufe des Projekts wurde mir klar, dass die Filter symbolisch wurden. Sie standen für verschiedene Arten des Sehens. Ich habe etwa mit einer Frau gesprochen, die mir erzählte, dass die Insel für sie ein Synonym für Freiheit sei. Andere sprachen stolz von ihrer Abstammung, die mit den Minoern verbunden war. Die Filter wurden so zu einer Möglichkeit, auszudrücken, wie jeder Mensch eine Linse, eine Farbe, wählt, durch die er seine Welt interpretiert.
LFI 7.2023+-
Eine Auswahl von Bildern aus ihrem Projekt Hypnerotomachia Venetiae finden Sie im LFI Magazin 7.2023. Mehr
Alisa Martynova+-
Die Dokumentarfotografin, die derzeit in Florenz, Italien, lebt, interessiert sich für universelle Themen wie Veränderung, Zeit und Raum sowie Träume. In ihren Arbeiten widmete sie sich unter anderem der afrikanischen Migration in Europa und der komplexen Beziehung zwischen Menschen und neuen Technologien. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, wie mit dem Canon Young Photographer Award, dem World Press Photo Award oder dem LensCulture Emerging Talent Award. Dreimal war sie für den Leica Oskar Barnack Award Newcomer nominiert. Ihre Werke wurden auf Festivals und in Galerien wie PhotoBrussels, Fotografia Europea, Cortona on the Move und in der Leica Galerie Mailand sowie den Leica Stores Rom, Florenz und Bologna ausgestellt. Mehr