Nordrhein-Westfalen. Aufbruch ins Wirtschaftswunder

Wolff & Tritschler

27. Januar 2026

Weit mehr als nur ein Bilderbuch eines Bundeslandes: Die neue Publikation präsentiert einen Einblick in das riesige Gesamtwerk des bedeutenden Fotografieunternehmens von Dr. Paul Wolff und Alfred Tritschler.
Nordrhein-Westfalen feiert sich: Im Herbst 2026 jährt sich die Gründung des westdeutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen zum 80. Mal. Es entstand im Zuge der neuen Nachkriegsordnung der Länder innerhalb der Besatzungszonen und ist bis heute mit 18 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Bundesland Deutschlands. Und kaum ein anderes Bundesland war in der Nachkriegszeit wirtschaftlich so erfolgreich: Neben Kohle und Stahl sorgten auch der Maschinenbau und die Textilindustrie für einen raschen Aufschwung.

Für das viel beschworene Wirtschaftswunder lieferten Wolff & Tritschler die passenden Motive des Neubeginns aus Leben und Alltag: Nicht nur gab es wieder ausreichend Essen und wurden neue Häuser gebaut, sondern auch die Konsumgüter boten reichlich Gelegenheit, von einem besseren Leben zu träumen. Inklusive aller Verdrängungen von Faschismus und Kriegserfahrungen – besser verkäuflich waren da glänzende Augen vor üppigen Schaufensterauslagen, Kinder auf neuen Spielplätzen, Glaspaläste der Unternehmen, eine moderne Landeshauptstadt Düsseldorf mit nun autofreundlicher Struktur. Die Kleider waren bunt, der Himmel blau – auch wenn in der Realität der Ruß die frisch aufgehängte Wäsche gleich wieder zu verschmutzen drohte. Neben dem weiterhin dominanten Anteil schwarzweißer Aufnahmen hielt die Farbfotografie langsam Einzug in die Medien. Auch hier konnte das Fotounternehmen die passenden Motive beisteuern. Scheinbar nahtlos hatten Dr. Paul Wolff, der bereits 1951 starb, und sein Partner Alfred Tritschler an ihre unternehmerischen Erfolge der Vorkriegs- und Kriegszeit anknüpfen können.

Bilder aus vier Jahrzehnten: Erfreulicherweise beschränkt sich der opulente Bildband nicht nur auf die im Titel genannten Wirtschaftswunderjahre, sondern greift auch tief in das Bildarchiv der Fotografen zurück, die sich früh ganz der Leica-Fotografie verschrieben hatten. Sie gehörten seit den 1920er-Jahren zu den viel beschäftigten, erfolgreichen Bildproduzenten; ihre breit aufgestellte Agentur arbeitete im Auftrag von Wirtschaft und Industrie. Das Gebiet des späteren Nordrhein-Westfalens zählte immer zum vielbereisten Arbeitsumfeld ihrer Bildinszenierungen. Der Journalist, Historiker und Politikwissenschaftler Helge Matthiesen kontextualisiert im neuen Buch nicht nur die Bilder, sondern erläutert auch erhellend die Karrieren der Fotografen von ihren Anfängen über die Anpassungen in der NS-Zeit bis hin zu den 1960er-Jahren, als die Agenturbilder endgültig unmodern wurden und die beiden Fotografen langsam in die Vergessenheit rutschten. Trotz aller technischer Perfektion und ästhetischer Raffinesse, die einst vorbildliche Maßstäbe gesetzt hatten, waren nun neue und vor allem auch internationalere Bilder gefragt.

Bis heute sind die Aufnahmen von Wolff & Tritschler historische Quellen, die mit kritischer historischer Distanz viel über die Träume und die Realität ihrer Entstehungszeit erzählen. Der Bildband fordert nicht nur dazu auf, in die Geschichte einer Region einzusteigen, sondern auch über die Rolle der Bildproduzenten nachzudenken. Reiches Anschauungsmaterial mit vielen bisher kaum publizierten Aufnahmen liefert der Band auf jeden Fall.
Ulrich Rüter
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Helge Matthiesen (Text), Dr. Paul Wolff und Alfred Tritschler (Fotografien)
176 Seiten, 175 Abbildungen, 31 × 24 cm
Deutsch, Greven Verlag

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Zehntausende Bilder von Wolff & Tritschler sind mittlerweile im Greven Archiv digital kostenlos zugänglich. Wer also noch mehr erkunden will, wird hier fündig.

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Wolf&Tritschler
© Dr. Paul Wolff & Tritschler

Dr. Paul Wolff, geboren am 19. Februar 1887 in Mulhouse, studierte bis 1913 Medizin (Abschluss 1914). Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er im Film und als Fotograf, traf 1921 Oskar Barnack und erwarb 1926 seine ersten beiden Leicas. Sein Standardwerk Meine Erfahrungen mit der Leica wurde 1934 veröffentlicht. 1934 gründete er mit Alfred Tritschler, der seit 1927 für ihn tätig war, in Frankfurt am Main ein Unternehmen. 1944 wurde der Firmensitz bei einem Luftangriff zerstört, das ausgelagerte Kleinbildarchiv blieb erhalten. Wolff verstarb am 10. April 1951.

Alfred Tritschler, geboren am 12. Juni 1905, absolvierte in seiner Geburtsstadt Offenburg (Baden) eine fotografische Ausbildung und studierte ab 1924 Fototechnik in München. 1927 bewarb er sich bei Paul Wolff in Frankfurt um eine Stelle. Später wurde er Miteigentümer und führte nach Wolffs Tod das Unternehmen selbstständig weiter. Tritschler verstarb am Silvesterabend 1970. Bereits 1963 hatte sein Neffe Robert Sommer das Unternehmen übernommen. Mehr

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