Concreto

Severin Jakob

7. Februar 2025

Kubistische Formen, harte Kontraste, atmosphärische Lichter – die Eigenschaften brutalistischer Architektur fotografisch interpretiert.
Grobe, klar gegliederte Gebäude mit Betonung auf ihrer Konstruktion und Funktionalität: Der Brutalismus findet seinen Ursprung im Nachkriegseuropa der 1950er-Jahre. Der notwendige schnelle Wiederaufbau unter schwierigen ökonomischen Bedingungen und Materialknappheit formte diese architektonische Ära. Oft geschaffen aus rohem Beton, dem béton brut, entstanden Kultur-, Wohn- und Geschäftsräume. Basierend auf dem ersten Plattenbau, der Unité d’habitation des Architekten Le Corbusier, entwickelte sich der Brutalismus bald weltweit zur dominierenden Architekturform der 1960er- bis 1980er-Jahre.

Brutalismus polarisiert in seiner massiven Ästhetik: Von den einen im Stadtbild verhasst, von den anderen für die Geradlinigkeit seiner Gebäude und die geometrischen Formen geliebt, wird dieser Stil regelmäßig von zeitgenössischer Kunst und Kultur rezipiert und thematisiert.
Auch der Schweizer Fotograf Severin Jakob fühlt sich durch die kraftvollen Formen und konsequente Simplizität angezogen. Die starke Ausstrahlung und die Atmosphäre der Bauwerke dienen ihm als Sujet seiner Serie Concreto. Seit mittlerweile drei Jahren fotografiert er für dieses Projekt weltweit, von Japan bis nach Serbien. Seine Beobachtungen und Eindrücke hält Jakob mit seiner Leica M11 fest.

LFI: In Ihrer Arbeit Concreto fotografieren Sie Gebäude und Orte brutalistischer Architektur. Was interessiert Sie an diesem Architekturstil besonders?
Severin Jakob: Der Brutalismus faszinierte mich schon immer. Vor allem beeindruckt mich seine „Einfachheit“, die klaren Formen, sowie die Reduktion der Bauwerke auf Beton, Glas und Metall. Spannend finde ich auch die Vielfalt des Stils: Es gibt sowohl schlichte als auch unglaublich komplexe Anwendungen und so viel zu entdecken. So halte ich immer die Augen nach Gebäuden offen, wenn ich beruflich oder privat unterwegs bin.

Können Sie etwas zur Entwicklung Ihrer Idee für diese Serie erzählen?
Die Idee zu dieser Serie entwickelte sich schrittweise. Nach der Auswertung meiner ersten Bilder in Lugano wollte ich unbedingt weitermachen und andere Gebäude fotografieren, um zu sehen, was ich noch finden kann. Ich möchte die Vielfalt und die Geschichten dieser Architektur kennenlernen. Brutalismus ist ein Stil, der viele Interpretationen zulässt, und ich war neugierig, wie ich ihn mit meinen Fotografien darstellen könnte. Die Serie ist für mich ein fortlaufendes Projekt, bei dem jedes Gebäude ein neues Kapitel erzählt.

Benutzen Sie für Ihre Architekturaufnahmen spezielles Equipment oder eine besondere fotografische Technik?
Es ist mir wichtig, mich voll auf die Motive zu konzentrieren. Deshalb bevorzuge ich leichtes und kompaktes Equipment: ein Stativ, meine Kamera und zwei bis drei Objektive. Hier lege ich großen Wert auf die Qualität. Das M-System ist für mich ideal, da es diese Anforderungen erfüllt.

Mit welchen Brennweiten arbeiten Sie am liebsten? 
Definitiv 35 mm. Als jemand, der nicht primär Architekturfotograf ist, habe ich einen anderen Anspruch an meine Bilder. Statt alles in einem Bild zu erzählen, möchte ich mit einer kleinen Serie Raum für Interpretation lassen. Mir gefällt es, wenn die Personen, die meine Fotografien betrachten, die Geschichte eines Gebäudes selbst entdecken können.

Gibt es eine bestimmte Licht- oder Wettersituation, bei der Sie besonders gern Architektur fotografieren, und wenn ja, warum?
Das hängt stark vom Gebäude ab. Meist bevorzuge ich bewölkten Himmel, da das weiche Licht die Stimmung der Gebäude unterstreicht. Es gibt jedoch auch Bauwerke, bei denen ich Sonnenschein bevorzuge, um mit den Schatten zu arbeiten. Entscheidend ist für mich die Ausrichtung des Gebäudes, und ich plane die Uhrzeit meines Besuchs entsprechend der Himmelsrichtung. Gern verbringe ich viel Zeit vor Ort, am liebsten ab dem späten Nachmittag bis in die Nacht hinein. Hier verändern sich die Bauten und eröffnen mir neue Perspektiven.

Teilweise erfüllen die Bauwerke aus Concreto einen ganz alltäglichen Zweck. Wie entdecken oder recherchieren Sie Ihre Motive?
Ich nutze Architekturbücher und recherchiere intensiv online. Mit der Zeit habe ich eine umfangreiche Liste mit Gebäuden zusammengestellt, die ich noch besuchen möchte. Das Parkhaus in meiner Serie war ein Glücksfall: Ich hatte dort einen Auftrag, der kurzfristig abgesagt wurde. Die Funktion der Gebäude ist für mich zweitrangig. Ich lasse mich vor allem von den Formen inspirieren.

Die Motive für Concreto fanden Sie bisher in Japan, der Schweiz, Schottland, Serbien und Frankreich. Wo könnte es für Sie weitergehen?
Nach dem Erdbeben in den 1960ern wurde die Stadt Skopje in Nordmazedonien wiederaufgebaut. Der japanische Architekt Kenzo Tange entwarf den Masterplan im Stil des Brutalismus, ich finde seine Arbeiten sehr inspirierend. Außerdem gibt es in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien – Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien, Montenegro, Nordmazedonien und Kosovo – viele beeindruckende Bauwerke, die ich unbedingt fotografieren möchte.
Hannah Agel
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Severin Jakob
EQUIPMENT: Leica M11, Super-Elmar-M 1:3.4/21 Asph, Apo-Summicron-M 1:2/35 Asph, Apo-Summicron-M 1:2/50 Asph

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© Lea Della Zassa

Der Schweizer Fotograf hat einen ausgeprägten Sinn für das Authentische. Aufgewachsen im Emmental und heute in Zürich lebend, arbeitet er seit 2015 freischaffend an Porträts, Reportagen und Editorials. Das Interesse an seinen Mitmenschen prägt seine Arbeit ebenso wie seine Wertschätzung des Alltäglichen. Mit ruhiger und sachlicher Bildsprache erschafft er aus flüchtigen Details Aufnahmen von echter Nähe und Tiefe. Mehr

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