Im Reich der Nachtlichter
Im Reich der Nachtlichter
Satoru Watanabe
9. Oktober 2025
©︎ Shizuka Sato
LFI: Herr Watanabe, können Sie uns den Hintergrund Ihres Projekts Noctchrome erläutern?
Satoru Watanabe: Sehr gern. Mein erster Besuch auf Yakushima war im Jahr 2005, als ich zum Yakushima Photography Festival (YPF) eingeladen wurde. Seitdem bin ich neunmal dorthin zurückgekehrt. Dieses Mal hatte ich die Ehre, an einem Artist-in-Residence-Programm teilzunehmen, das als Zusammenarbeit zwischen LFI und YPF organisiert wurde. Der Aufenthalt dauerte jedoch nur zwei Wochen – eine äußerst kurze Zeitspanne, um ein vollständiges Werk zu schaffen.
Was beschäftigte Sie, als Sie das Projekt annahmen?
Von dem Moment an, als ich zusagte, fragte ich mich ständig, was ich fotografieren sollte. Viele Fotografen haben auf Yakushima bereits beeindruckende Arbeiten geschaffen. Was könnte ich in so kurzer Zeit erschaffen, das über das bisher Dagewesene hinausgeht? Über mehr als zehn Jahre hinweg blieb der stärkste Eindruck für mich immer der Wald. Er ist einer der wenigen unberührten Urwälder Japans – ein Ort, an dem man die Stimme der Natur hören kann. Diese geheimnisvolle Landschaft inspirierte sogar die Kulisse des Animationsfilms Prinzessin Mononoke [Anm. d. R.: von Hayao Miyazaki und dessen Studio Ghibli].
Welche Gedanken kamen Ihnen beim Fotografieren in dieser besonderen Umgebung?
Immer, wenn ich im Wald war, dachte ich: „Das ist eine Welt wie aus der japanischen Tuschmalerei.“ Mit diesem Gedanken im Hinterkopf besuchte ich vor der Residency mehrere Ausstellungen japanischer Tuschmalerei in Tokio, insbesondere mit Werken aus der frühen bis mittleren Edo-Zeit [Anm. d. R.: 1603–1868], um sie in meine eigene Bildsprache einfließen zu lassen. Doch gleich am ersten Tag, als ich den Wald betrat, war die Welt, die ich erwartet hatte, nicht zu finden.
Während ich noch überlegte, wie ich weiter vorgehen sollte, sah ein Freund, der mich begleitete, mein Objektiv, ein Noctilux 1:0.95/50, und bemerkte: „Noctilux bedeutet ‚Nachtlicht‘.“ In diesem Moment kam mir eine Idee: Ich sollte den Wald bei Nacht fotografieren. Dieser Gedanke gab auch den Ausschlag für den Titel der Serie – Noctchrome: ein Begriff, den ich selbst geprägt habe, um das flüchtige Intervall zwischen Nacht und Morgen zu beschreiben. In dem Moment, in dem der Morgen anbricht, ist die Welt in ein mattes, gedämpftes Licht getaucht. Genau dieser farblose Moment ist die Welt von Noctchrome.
Wie sah Ihr erster nächtlicher Ausflug in den Wald aus?
Am nächsten Morgen, um drei Uhr, betraten wir den pechschwarzen Wald. Es gab keinerlei Licht, und man konnte nichts sehen. Während wir mit Taschenlampen gingen, umgaben uns die Geräusche der Insekten. Gegen 4:30 Uhr verstummten sie plötzlich, und Vogelgesang begann. In diesem Augenblick trat etwas aus der Dunkelheit hervor. Ich drückte den Auslöser meiner M10 Monochrom. Auf dem Monitor erschien ein schwaches, aber unverkennbares Bild des Waldes.
In diesem Dämmermoment, in dem das menschliche Auge die Welt in Schwarzweiß wahrnimmt, fand ich endlich die Welt der japanischen Tuschmalerei, nach der ich gesucht hatte: kräftige Umrisse, flache Kompositionen mit wenig Kontrast, eine gleichmäßige Fläche ohne zentrales Motiv – noch stärker, als ich es mir vorgestellt hatte. Von da an suchte ich tagsüber nach geeigneten Orten und kehrte jeden Morgen um drei Uhr in den Wald zurück, bis zum letzten Tag meines Aufenthalts.
Gab es besondere äußere Bedingungen, die Ihre Arbeit beeinflusst haben?
Ja, unbedingt. Yakushima ist für seinen starken Regen bekannt – es heißt dort: „Es regnet acht Tage die Woche.“ Mit Regen umzugehen war also immer Teil des Prozesses. Ich trug die Kamera nie offen, sondern stets geschützt in einer kleinen Schultertasche und achtete darauf, dass das Objektiv nicht durch Tropfen beschlug.
Welche technische Ausrüstung haben Sie für Noctchrome verwendet?
Ich brachte die M11 und M10 Monochrom mit, zusammen mit mehreren Objektiven mit Brennweiten zwischen 28 und 50 mm. Letztendlich verwendete ich für die eigentliche Arbeit jedoch nur die Kombination aus M10 Monochrom und Noctilux 1:0.95/50. Ich benutzte kein Stativ; jede Aufnahme entstand aus der Hand. Den ISO-Wert stellte ich bis auf 64.000 ein, um selbst das schwächste Licht einzufangen. Das Fokussieren in nahezu völliger Dunkelheit war extrem schwierig – manchmal beleuchtete ich das Motiv mit einer Taschenlampe und nutzte den EVF, andere Male verließ ich mich ausschließlich auf meine Intuition.
Yakushima Photography Festival+-
Das Projekt Noctchrome wird vom 12. bis zum 26. Oktober 2025 im Rahmen des Yakushima Photography Festivals im Gajumaru Park auf Yakushima ausgestellt sein.
LFI 7.2025+-
Mehr Informationen finden Sie im LFI Magazin 7.2025. Mehr
Satoru Watanabe+-
Satoru Watanabe wurde 1961 in Yonezawa in der Präfektur Yamagata, Japan, geboren. Er absolvierte das Studium der Fotografie an der Fakultät für Kunst der Nihon-Universität, Tokio. Watanabe ist Preisträger des Sonderpreises beim 33. Society of Photography Award (Shashin-no-Kai Shō). Seine Werke sind unter anderem in den Sammlungen des Tokyo Photographic Art Museum sowie des Musée du quai Branly in Paris vertreten. Derzeit lehrt er als Dozent an der Graduate School der Keio-Universität. Zu seinen bedeutenden Fotobüchern zählen da.gasita (Toseisha), prana (Toseisha) und inception (Fugensha). Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehört außerdem The Power to Photograph, The Power to See (Toru Chikara Miru Chikara, Hobby Japan). Mehr
©︎ Shizuka Sato
©︎ Shizuka Sato
©︎ Shizuka Sato
Satoru Watanabe, aus der Serie Noctchrome
© Satoru Watanabe
Satoru Watanabe, aus der Serie Noctchrome
© Satoru Watanabe
Satoru Watanabe, aus der Serie Noctchrome
© Satoru Watanabe
Satoru Watanabe, aus der Serie Noctchrome
© Satoru Watanabe