Everyday

Ruediger Glatz

15. August 2025

Mit seinem Langzeitprojekt hält der Fotograf bestimmte Momente seines Alltags fest: spontan, stimmungsvoll, vieldeutig.
Sein Werk ist so vielschichtig wie charakteristisch wiedererkennbar. Mit seinen Leica-Kameras fotografiert Ruediger Glatz unterschiedlichste Themen; die ausdrucksstarke dunkle Tonigkeit ist dabei ein durchgängiger ästhetischer Ansatz. Kürzlich erschien im Kehrer Verlag sein Buch über die diesjährige europäische Kulturhauptstadt Chemnitz. Seine Serie Everyday, an der er seit mehreren Jahren arbeitet, ist mit derzeit 37 Motiven auf seiner Homepage zu entdecken. Für LFI Online hat er eine neue Auswahl aus seinem stetig wachsenden Archiv zusammengestellt.

LFI: Wie kam es zu der Serie, und könnten Sie uns die Hintergründe erläutern?
Ruediger Glatz: Mit Everyday setze ich mich mit meiner alltäglichen Perspektive auf die Welt auseinander. Im Vordergrund stehen Beobachtungen, Erlebnisse und Empfindungen, die sich in Objekten, Momenten und Stimmungen abbilden. Ich arbeite tatsächlich seit vielen Jahren jeden Tag an der Serie. Man könnte sie in verschiedene Bereiche unterteilen, aber ich behalte mir vor, dies jeweils für konkrete Präsentationsformen zu entscheiden. Ein Beispiel für eine solche Präsentation ist mein Projekt Addicted2Click: eine Onlineinstallation, die ursprünglich 2010 gelauncht wurde, 2014 aus technischen Gründen vom Netz ging und 2021 in neuer Form wieder online ging. Sie zeigt Bilder aus Everyday als endlose Slideshow, in der jeweils zufällig ausgewählte Bilder nur zwei Sekunden lang zu sehen sind. Zum Relaunch habe ich außerdem eine physische Installation in der Barlach Halle K in Hamburg gezeigt.

Wann entscheiden Sie, welches Motiv in die Serie passt?
Die Serie präsentiere ich fast täglich in meinen Instagram-Stories. Darüber hinaus fließen Motive in Formate wie Addicted2Click ein. Geplant ist, die Serie auch regelmäßig in Form von Zines und später als Buch zu publizieren. Welche Bilder einfließen, ist ein fortlaufender Prozess. Ich entscheide intuitiv, welche Aufnahmen die Stimmung und den Blick, den ich mit Everyday zeigen möchte, besonders gut transportieren.

Gab es einen Auslöser für den Beginn der Serie, und was unterscheidet sie von Ihren anderen Arbeiten?
2008 habe ich begonnen, meinen Alltag über Schnappschüsse abzubilden. Damals nutzte ich kompakte Digitalkameras, die im Vergleich zu den großen und schweren DSLRs, mit denen ich sonst arbeitete, eine ungeahnte Leichtigkeit boten. Mit der Zeit habe ich begonnen, mit all meinen Kameras an Everyday zu arbeiten und auch kompositorisch stärker in die Tiefe zu gehen.
Der große Unterschied zu meinen anderen Serien ist der spielerische, lockere Ansatz, der mir die Freiheit gibt, ganz unmittelbar auf den Auslöser zu drücken. Everyday ist für mich die Serie, die meine Wahrnehmung meines Lebens am weitesten fasst. Sie nimmt damit in meinem Werk eine zentrale Position ein, weil sie meine persönliche Sicht auf die Welt spiegelt – tagtäglich, ungefiltert und über Jahre gewachsen.

Die Bilder leben alle von einer bestimmten ruhigen Stimmung – manchmal sind sie auch melancholisch …
Ja, das ist tatsächlich sehr gut beschrieben. Die Bilder sind kontemplativ und ruhig, und viele tragen auch eine Melancholie in sich, die ich selbst fühle. Ich sehe mich als optimistischen Menschen, der sein Leben bewusst gestaltet, um es genießen zu können. Ich glaube an den Sinn in allem und an die Einheit des Seins. Gleichzeitig nehme ich das Leid in der Welt wahr. Ich empfinde Melancholie, wenn Schönes vergeht und auch Schlimmes passiert – etwas, das täglich geschieht. Und ich empfinde auch die gesellschaftliche und geopolitische Situation an vielen Stellen als schwierig. Everyday bildet all das ab. Melancholie ist für mich unumgänglich und gehört zu meinem Blick auf die Welt, während ich gleichzeitig aus ihr Kraft schöpfe.

Setzen Sie die Serie weiter fort?
Everyday ist offen angelegt. Die Bilder fließen stetig. Es gibt keine definierte Grenze oder ein festes Ende.

Fotografie scheint für Sie allgegenwärtig. Gibt es Momente oder Orte, an denen Sie ohne Kamera unterwegs sind?
Das ist tatsächlich sehr selten der Fall. Eigentlich habe ich fast immer eine Kamera dabei – außer vielleicht, wenn ich in die Sauna gehe.
Ulrich Rüter
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Ruediger Glatz

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In der LFI 6.2025 präsentieren wir ein umfangreiches Portfolio zu seiner Serie Kamenica. A Portrait of Chemnitz, die als Buch bei Kehrer erschienen ist und für die der Fotograf auch Sondereditionen anbietet. Mehr

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© Ruediger Glatz

Wurde am 17. November 1975 in Heidelberg geboren. Ab 1992 arbeitete er als Graffiti-Künstler; 1996 war er Mitbegründer von Montana Cans (Aerosoldosen für den künstlerischen Einsatz). Nach dem Verkauf des Unternehmens konzentrierte er sich auf Fotografie und Kunst. Wichtige Serien, teils als Bücher veröffentlicht, sind Backflashes, The New Black, Tomorrow Ain’t Promised oder Embodying Pasolini. Er lebt in Hamburg. Mehr

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