Unter der Stadt
Unter der Stadt
Ondřej Trojan
15. Mai 2026
LFI: Wo sind Ihre Fotos entstanden, und was möchten Sie damit über das Leben in der Stadt erzählen?
Ondřej Trojan: Die Fotografien sind alle in öffentlichen Verkehrsmitteln in Prag entstanden – in der Metro, in Zügen oder in Straßenbahnen. Diese Orte haben mich schon immer fasziniert, weil sich die Metro wie eine Stadt unter der Stadt anfühlt, die ihr eigenes Leben führt. Mein Ziel ist es, Geschichten aus diesen Räumen zu erzählen; ich möchte Momente der Ruhe einfangen, in denen Menschen gezwungen sind, innezuhalten – wenn auch nur für einen kurzen Augenblick in ihrem hektischen Alltag. Dieses Motiv der Ruhe im Trubel der Stadt ist auch über diese Serie hinaus eines meiner zentralen Themen.
Was fasziniert Sie am Alltag in Metro- und S-Bahn-Stationen?
Die Metro ist ein intimer Raum und gleichzeitig hochgradig anonym, da die Menschen meist versuchen, für sich zu bleiben und unnötige Interaktion zu vermeiden. In dieser körperlichen Nähe teilen Fremde für kurze Zeit denselben Raum, bleiben dabei aber in ihren eigenen privaten Welten eingeschlossen. Heute wird dieses Gefühl der Isolation durch Technologie noch verstärkt: Die Leute tragen Kopfhörer, schauen auf ihre Smartphones und wirken oft geistig ganz woanders – losgelöst von ihrer unmittelbaren Umgebung. Es kommt immer seltener vor, dass Fremde spontan miteinander ins Gespräch kommen oder einander überhaupt wahrnehmen. Gerade deshalb wirken Momente echter Begegnung in diesem Raum umso wertvoller. Ob ein Blick, eine kleine Geste oder ein kurzer Austausch – solche Augenblicke durchbrechen für einen Moment die unsichtbaren Barrieren zwischen Personen und zeigen etwas zutiefst Menschliches. Genau diese Momente ziehen mich an, weil sie eine leise Bedeutung in sich tragen und es wert sind, festgehalten zu werden.
Worauf achten Sie, wenn Sie sich durch diese Räume bewegen, und wann entscheiden Sie, den Auslöser zu drücken?
Ich bin ein großer Bewunderer Henri Cartier-Bressons und seines Konzepts des „entscheidenden Moments“. Die Augenblicke, in denen ich auslöse, sind oft sehr abstrakt und schwer zu erklären – es ist reiner Instinkt, ein Sekundenbruchteil, in dem ich weiß, dass es ein gutes Foto wird. Die Szene muss kompositorisch stimmen, die geometrischen Formen müssen sich richtig fügen, aber es braucht auch etwas, das zum Innehalten und Nachdenken anregt.
Welche Eigenschaften Ihrer Kamera sind für diese Art der Fotografie besonders wichtig?
Ich fotografiere ausschließlich mit Kameras des Leica M-Systems, die mich schon seit längerer Zeit begleiten. Besonders schätze ich ihre Unauffälligkeit, Schnelligkeit, kompakte Größe und nicht zuletzt die Qualität der Objektive. Ich muss vermeiden, die Szene zu stören, und möglichst unsichtbar bleiben – wie eine Fliege an der Wand. Dank des M-Systems gelingt mir genau das.
Hat die genaue Beobachtung dieser Orte Ihre Wahrnehmung der Stadt verändert?
Durch das Fotografieren in der Metro und in anderen öffentlichen Verkehrsmitteln habe ich gelernt, dass wir unsere Umgebung oft gar nicht wirklich wahrnehmen. Wir verstecken uns hinter einem Schleier der Anonymität und eilen durch unseren Alltag, ohne viel Bewusstsein für das, was um uns herum geschieht. Die Fotografie hat mir persönlich geholfen, mich zumindest ein Stück weit aus dieser ständigen Hast zu lösen und die Welt aufmerksamer zu betrachten – Menschen zu lesen und meine Umgebung bewusster wahrzunehmen. Auch wenn mich die Leute manchmal einschüchtern, habe ich durch meine Arbeit das Gefühl, sie ein wenig besser zu verstehen – und dadurch ist mir auch meine Sympathie für sie noch gewachsen.
Ondřej Trojan+-
Der Dokumentar- und Reportagefotograf widmet sich der humanistischen Schwarzweißfotografie. Seine Arbeiten wurden unter anderem auf den offiziellen Instagram-Kanälen von Leica Camera und Leica USA veröffentlicht und 2024 im Rahmen von Czech Press Photo im Nationalmuseum in Prag ausgestellt. Im selben Jahr zeigte er seine erste Einzelausstellung in der Matějovec Gallery. Zwischen 2023 und 2026 nahm er an zahlreichen Gruppenausstellungen und fotografischen Projekten teil, darunter Kafka 2024, FOTOSTART und Traveling with Leica. Seine Fotografien erschienen im Magazin Respekt sowie im Buch World Intellectuals. Darüber hinaus arbeitete er mit dem Tschechischen Fernsehen und der Organisation Paměť národa zusammen. Seit 2022 ist er als Dokumentarfotograf an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Karls-Universität tätig. 2026 wurde er für den Preis „Persönlichkeit der tschechischen Fotografie 2025“ nominiert. Mehr