Nachruf: Sebastião Salgado

28. Mai 2025

Am 23. Mai 2025 ist der vielfach ausgezeichnete und international bekannte brasilianische Fotograf im Alter von 81 Jahren verstorben.
Sebastião Salgado gehört zu den bedeutendsten, einflussreichsten Fotografen unserer Zeit: als Bildjournalist, als Dokumentarist und bildgewaltiger Künstler. Sein Werk ist geprägt von eindrucksvoll gestalteten Schwarzweißbildern, die er zumeist in Serien veröffentlichte. Er war ein Botschafterv der Menschlichkeit, Kämpfer für Gerechtigkeit und beharrlicher Umweltaktivist. In seinen Aufnahmen widmete er sich vor allem den Benachteiligten in der ganzen Welt, den von Krieg und Krisen Betroffenen, aber auch der Kraft der Natur. Salgado war Mahner und präziser Beobachter, seine Bilder verstand er als Aufruf, mehr Verantwortung für die Welt und die Mitmenschen zu übernehmen. Seine Aufnahmen zeigen das Elend, das Leiden der Menschen, die Zerstörung sozialer Beziehungen, aber auch die Würde und den Stolz eines jeden. Seine Bilder waren vielfach schockierend, ebenso konnte er aber auch die magische Schönheit der Welt sichtbar werden lassen. 

Sebastião Ribeiro Salgado wurde am 8. Februar 1944 im brasilianischen Aimorés geboren und wuchs mit sieben Schwestern auf der elterlichen Fazenda auf. Er studierte zunächst Jura, wechselte aber nach einem Jahr zu den Wirtschaftswissenschaften an der Universität von São Paulo. Gemeinsam mit seiner Frau Lélia Deluiz Wanick verließ er 1969 das von der Militärdiktatur beherrschte Land und zog nach Paris. Dort begann er in den frühen 1970er-Jahren, als freischaffender Fotograf zu arbeiten, zunächst mit der Leica seiner Frau. Weltberühmt wurde Salgado, als er am 30. März 1981 am Seiteneingang des Hilton Hotels in Washington den Versuch des Attentats auf Ronald Reagan mit der Kamera festhalten konnte. In den folgenden Jahren setzte er sich intensiv mit sozialen, politischen und ökologischen Themen auseinander, die er mit oft überwältigender Ästhetik verband. Er arbeitete für Bildagenturen wie Sygma oder Gamma, von 1979 bis 1994 war er Mitglied der Fotoagentur Magnum. Sein Reisepensum war enorm, die wichtigsten Langzeitprojekte entstanden in Afrika, Lateinamerika und Asien. Seine Serien Workers, Exodus oder Genesis gehören zu den bedeutendsten fotografischen Projekten, in denen er mit visionärer Kraft komplexe globale Prozesse vorstellte.

Zweimal wurde Salgado mit dem Leica Oskar Barnack Award ausgezeichnet – in der über 40-jährigen Geschichte des Preises ein Unikum. 1985 war es seine Serie Äthiopischer Hunger über die schockierenden Folgen der Dürre in dem afrikanischen Land, und 1992 dokumentierte er mit Inferno in Kuwait brennende Ölfelder als Folge des Zweiten Golfkrieges.

Umweltthemen nahmen in den letzten Jahrzehnten eine immer wichtigere Rolle im Werk des Fotografen ein. Bereits 1998 hatte er zusammen mit seiner Frau Lélia das Instituto Terra zur Wiederaufforstung des Regenwaldes in Brasilien gegründet. Millionen Bäume wurden seither gepflanzt – seine Serie Amazônia bezeugt seine tiefe Verbindung zu und Verneigung vor Natur und Umwelt. „Sein Objektiv offenbarte die Welt und ihre Widersprüche, ihr Leben, die Kraft des transformativen Handelns“, so die Würdigung des Instituts. Das Leben Salgados porträtierte sein Freund und Kollege Wim Wenders gemeinsam mit Salgados Sohn Juliano in dem beeindruckenden oscarnominierten Dokumentarfilm Das Salz der Erde von 2014. Die Liste seiner Ehrungen für sein Lebenswerk ist lang; als erster Fotograf wurde Salgado 2019 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. In seiner Dankesrede betonte er seine Mission, „Licht auf die Ungerechtigkeit zu werfen“.

Sebastião Salgado ist jetzt in Paris an einer schweren Leukämie gestorben, der Spätfolge seiner Malariaerkrankung, die er sich 2010 bei der Arbeit in Indonesien zugezogen hatte. Seinen Tod vermeldete am 23. Mai zuerst die französische Akademie der Schönen Künste, deren Mitglied Salgado seit 2017 war: Er sei ein „großer Zeuge der menschlichen Verfassung und des Zustands des Planeten“ gewesen, lautet die Würdigung der Akademie. Mit seinem Tod verliert die Welt einen großen Bildkünstler und engagierten Humanisten. Sein Erbe als Mensch und Fotograf bleibt ein zutiefst empathischer Appell für mehr Mitmenschlichkeit und Respekt vor den Ressourcen der Erde.
Ulrich Rüter
1/7
1/7

Nachruf: Sebastião Salgado