Nachruf: Martin Parr

8. Dezember 2025

Am 6. Dezember 2025 ist der britische Magnum-Fotograf im Alter von 73 Jahren in seinem Zuhause in Bristol verstorben. Als Fotograf, aber auch als Sammler, Kurator und Festivalleiter hat er Geschichte geschrieben.
Seine ersten frühen Schwarzweißaufnahmen entstanden noch mit einer Leica M3 mit 35-mm-Objektiv, doch Parr wechselte rasch zu anderen Kamerasystemen, und für seine frühe Buchveröffentlichung The Last Resort, heute längst ein Fotobuchklassiker, nutzte er Mittelformat und Farbe. Mit dieser Veröffentlichung setzte er neue Maßstäbe in der Dokumentarfotografie. Für Kritiker war es hingegen eine bitterböse Abrechnung, grausam und voyeuristisch. Parrs Blick auf den heruntergekommenen Badeort New Brighton und seine Besucher war für ihn eine Bestandsaufnahme britischen Alltags mit abblätternden Fassaden und Menschen, die sich an schmutzigen Stränden gnadenlos Sonnenbrände einfangen.

Ironisch oder zynisch: Seinem Ruf als genauer Beobachter mit schonungslosem Blick, der ihn rasch zu einer internationalen Karriere führte, sollte der Brite stets treu bleiben. Mit seinen Farbbildern dokumentierte er öffentliche Orte, familiäre Feiern, Landschaften oder oft auch trashige Stillleben. Meist knallbunt und direkt, entlarvt er immer wieder nicht nur die Schrulligkeiten der britischen Gesellschaft, sondern thematisiert auch den Konsumrausch oder das heute längst als „Overtourism“ bekannte Phänomen. Sein Stil fand rasch zahlreiche Anhänger und Nachahmer, doch die Kritik an seiner frechen, provokanten Bildästhetik kulminierte im Bemühen, Mitglied der renommierten Bildagentur Magnum zu werden: Nur mit einer knappen Mehrheit der Stimmen nahm ihn die Agentur 1994 auf – zum Missfallen vieler, nicht zuletzt Henri Cartier-Bressons, der ihm vorwarf, von einem anderen Planeten zu kommen. „Ich habe diese Bemerkung immer geschätzt“, konterte Parr, „und ihm geschrieben: Ich weiß, was Sie meinen, aber warum schießen Sie auf den Boten?“ Die Zeiten änderten sich, und auch die klassische Magnum-Ästhetik musste sich erweitern. Von 2013 bis 2017 sollte Parr sogar als Präsident der Agentur vorstehen.

Geboren wurde Martin Parr am 23. Mai 1952 in Surrey, südwestlich von London. Aufgewachsen ist er in Epsom. Inspiriert von seinem Großvater, einem leidenschaftlichen Amateurfotografen, fand er früh zur Fotografie und studierte zu Beginn der 1970er-Jahre an der Hochschule Manchester Polytechnic. Spätestens ab den 1990er-Jahren gehörte Parr zu den großen, einflussreichen und international erfolgreichen Fotografen. Doch auch als leidenschaftlicher Sammler und Promotor zahlreicher Fotoinitiativen setzte Parr Standards. Seine besondere Aufmerksamkeit galt dabei immer dem Fotobuch. Er selbst hat mehr als 100 eigene Bücher veröffentlicht und unzählige Kataloge und Bildbände herausgegeben. Diese Vielzahl steigerte seine Bekanntheit weiter; er wurde zum Star der Fotoszene. Gemeinsam mit Gerry Badger publizierte er das dreibändige Kompendium The Photobook: A History (2004, 2006 und 2014). Darüber hinaus war Parr als Kurator tätig, und 2017 gründete er in Bristol, wo er seit 1987 lebte, die Martin Parr Foundation. Königin Elizabeth zeichnete ihn 2021 für seine Verdienste um die Fotografie aus. Seine gesamte Bibliothek mit rund 12.000 Bänden vermachte er bereits zu Lebzeiten der Tate Gallery. Vor viereinhalb Jahren hatte er seine Krebsdiagnose erhalten, war jedoch bis zuletzt aktiv und eröffnete beispielsweise noch im Oktober im Neuen Museum Nürnberg die Fotobuchausstellung Grand Hotel Parr (noch bis zum 22. Februar 2026 zu sehen). Am 6. Dezember ist der unvergleichliche Fotograf seinem Krebsleiden erlegen.
Ulrich Rüter
 

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