Nachruf: Gianni Berengo Gardin
Nachruf: Gianni Berengo Gardin
8. August 2025
© Maurizio Beucci
Berengo Gardins Schwarzweißaufnahmen leben immer von der Kraft der Erzählung, sie sind nicht nur Beschreibungen der Realität, sondern schöpfen auch aus der Authentizität des Lebens und des Alltags und lassen viele Aufnahmen dabei zeitlos und universell erscheinen. Sein empathischer Blick war immer auf den Menschen gerichtet, auf seine Haltung und Gesten im alltäglichen Leben, bei der Arbeit, in Momenten der Freizeit, aber auch in Situationen von gesellschaftlich wenig beachteten Bereichen. Mit seinen Aufnahmen und Reportagen, veröffentlicht in allen internationalen Magazinen hat er das Bild des Nachkriegsitaliens wesentlich mitgeprägt, war Chronist des damals wirtschaftlich rasant aufstrebenden Landes mit all seinen tiefgreifenden sozialen, kulturellen und landschaftlichen Veränderungen und Modernisierungsschüben.
Geboren wurde Berengo Gardin am 10. Oktober 1930 im ligurischen Santa Margherita in der Nähe von Genua. Seine Kindheit verbrachte er in Rom; in Venedig studierte er und entdeckte die Fotografie. Er begann zunächst autodidaktisch zu fotografieren, war von der amerikanischen Life-Fotografie und Vorbildern der Bildagentur Magnum beeinflusst. Den frühen Aufnahmen eines poetischen Venedigs folgten direkte Reportagen aus der industriellen Arbeitswelt. Bis 1965 arbeitete er als Fotoreporter für die Zeitschrift Il Mondo. 1964 zog er nach Mailand, um ein Studio für Mode-, Werbe- und Still-Life-Fotografie zu eröffnen. Gleichzeitig entstanden in den 1960er-Jahren die ersten sozialkritischen Bildreportagen, etwa über die menschenunwürdigen Zustände in geschlossenen psychiatrischen Einrichtungen des Landes. Seine aufrüttelnden Bilder trugen viel zur gesellschaftlichen Integration der vorher von der Öffentlichkeit Ausgeschlossenen bei. Auch das Leben in Roma-Siedlungen dokumentierte er: Mit der Serie La Disperata Allegria über Roma-Familien in Florenz gewann er 1995 den Leica Oskar Barnack Award. Von Anfang an fotografierte er mit Leica-Kameras, die M-Modelle waren für ihn bewährte Grundlage. Für sein Lebenswerk verlieh ihm die Leica Camera AG 2017 in Rom den Leica Hall of Fame Award.
Bis ins hohe Alter engagierte sich Berengo Gardin für gesellschaftliche Belange, so war er Mitbegründer einer Bürgerinitiative in Venedig, die sich für die Verringerung des Kreuzfahrttourismus einsetzte. Seine dramatisch-bedrohlichen Aufnahmen der riesigen Kreuzfahrtschiffe in der Kulisse der Lagunenstadt wurden weltweit rezipiert.
Mit seinem Œuvre hat Berengo Gardin einen unverwechselbaren, persönlichen Blick auf Italien, seine Zeitgenossen und ihren Alltag dokumentiert. Immer wieder ist es ihm dabei gelungen, die Balance zwischen tagesaktueller Bilderzählung und zeitlosem Moment zu halten. Sein Archiv wird heute von der Fondazione Forma per la Fotografia in Mailand verwaltet, die sein Werk und Vermächtnis weiter pflegen wird. Gianni Berengo Gardin war ein empathischer Zeuge, poetischer Realist, diskreter Beobachter, leidenschaftlicher Humanist, engagierter Bildjournalist und: ein vorbildlicher Klassiker der Leica Fotografie.
© Maurizio Beucci
© Gianni Berengo Gardin, Leica Oskar Barnack Award 1995
Venedig, 1960. © Gianni Berengo Gardin, courtesy Fondazione Forma per la Fotografia
Venedig, 2013. © Gianni Berengo Gardin, courtesy Fondazione Forma per la Fotografia
© Gianni Berengo Gardin, Leica Oskar Barnack Award 1995
Großbritannien, 1977. © Gianni Berengo Gardin, courtesy Fondazione Forma per la Fotografia