Nachruf: Chris Steele-Perkins

10. September 2025

Am 8. September 2025 ist der britische Leica-Fotograf, Magnum-Mitglied und Gewinner des Leica Oskar Barnack Awards (LOBA), im Alter von 78 Jahren verstorben.
Christopher Steele-Perkins zählt zu den einflussreichsten britischen Dokumentarfotografen der Nachkriegszeit. Sein aufrichtiger, manchmal kritischer, oft auch freundlich-nachsichtiger Blick richtete sich nicht nur auf seine Mitmenschen in Großbritannien, sondern auch bei seinen vielen Reisen quer durch die Welt war er stets an empathischer Mitmenschlichkeit interessiert. Im Vereinigten Königreich dokumentierte er die Gesellschaft, den Alltag in typisch britischen Szenen, gern aber auch die Subkulturen, wie sein erster Bildband The Teds (zuerst 1979, dann 2003 und 2018 bei Dewi Lewis als Neuedition publiziert) eindrücklich belegt.

Geboren wurde Steele-Perkins am 28. Juli 1947 in Rangun, Burma. Im Alter von zwei Jahren kam er mit seinem Vater zurück nach England. An der Universität Newcastle upon Tyne studierte er Psychologie und arbeitete für die Studentenzeitung. 1970 schloss er sein Studium mit Auszeichnung ab und begann als freiberuflicher Fotograf zu arbeiten. 1971 ging er nach London. 1975 arbeitete er mit Exit zusammen, einem Kollektiv, das sich mit sozialen Problemen in britischen Städten befasste. 1976 trat er der in Paris ansässigen Agentur Viva bei, die er 1979 verließ, um Mitglied von Magnum Photos zu werden; seit 1983 war er dort Vollmitglied, von 1995 bis 1998 Präsident.

1988 wurde der Fotograf für seine Dokumentation Lernen, mit dem Thalidomid-Problem zu leben – 20 Jahre danach mit dem Leica Oskar Barnack Award ausgezeichnet. Zwei Jahrzehnte, nachdem die deutsche Firma Grünenthal mit dem als harmloses Schlafmittel vertriebenen Medikament Contergan für einen der verheerendsten Skandale der Pharmaindustrie gesorgt hatte und für schwere Missbildungen bei Tausenden von Neugeborenen verantwortlich war, besuchte der Fotograf die nun erwachsenen Betroffenen und dokumentierte ihren Alltag. Im Interview für die LOBA-Website betonte der Fotograf später sein lebenslanges Engagement: „Der unternehmerische und politische Missbrauch von Umwelt und Einzelnen geht heute auf unterschiedliche Weise weiter – wie etwa beim Klimawandel. Ich habe gezeigt, wie das Leben durch diese Missbräuche beeinträchtigt wurde, und schrittweise arbeite ich weiterhin an Geschichten über diese Formen der Ausbeutung.“

Nach der Heirat mit seiner zweiten Frau, Miyako Yamada, begann er eine langfristige fotografische Erkundung Japans. 2000 veröffentlichte Steele-Perkins den Bildband Fuji. Ein sehr persönliches Tagebuch aus dem Jahr 2001, Echoes, erschien 2003, und sein zweites Japan-Buch, Tokyo Love Hello, im März 2007. Weiterhin arbeitete er auch in seinem Heimatland und dokumentierte u. a. das ländliche Leben in der Grafschaft Durham, 2007 unter dem Titel Northern Exposures veröffentlicht. 
Für seine Arbeit hat Steele-Perkins immer auf Leica-Kameras zurückgegriffen. So beteiligte er sich auch an der Leica-Kampagne The World Deserves Witnesses: „Ich mag meine Leica-Kamera, weil sie robust, einfach und klein ist. Ich hatte früher eine Leica M4, die mich von The Teds über Afghanistan bis nach Japan begleitet hat“, lautet sein Statement.

Chris Steele-Perkins ist nun in Japan friedlich im Schlaf gestorben, wie seine Frau Miyako Yamada auf Instagram bekannt gab. Die Fotowelt hat einen wichtigen Zeitzeugen verloren, der sich seiner Rolle immer bewusst war und hoffte, mit seinen Fotografien Einfluss nehmen zu können: „Ich glaube nicht, dass ich die Welt verändere, aber manchmal klingt meine Stimme in dem Ruf nach einer besseren Welt mit.“
Ulrich Rüter
1/8
1/8

Nachruf: Chris Steele-Perkins