Die Geschichte zum Cover

Joel Meyerowitz

30. Juni 2025

Der Fotograf hat in den 1970er-Jahren seine Form der Street Photography perfektioniert. Im Bruchteil einer Sekunde destillierte er Motive aus dem Gewirr der Zeichen und Schriften, dem Gedränge der Passanten, die wie Statisten eines geheimen Stücks zu agieren schienen.
Die Aufnahme entstand vor fast 50 Jahren an der Ecke West 46th Street und Seventh Avenue, mitten in Manhattan. Auf den ersten Blick zeigt sich hier ein Chaos aus Farben und Formen, Werbebotschaften, Mustern und Materialien. Doch wie immer bei den Aufnahmen von Joel Meyerowitz lichtet sich die Konfusion rasch, und man entdeckt eine Vielzahl von Details und Geschichten, die den Blick der Betrachtenden immer weiter in das Motiv hineinziehen. Und auch das Bild selbst öffnet sich in der Bildmitte ungewöhnlich tief und zeigt einen Ausschnitt des graublauen Himmels am Ende der Straßenschlucht.

„Bei der Fotografie geht es nur ums Sehen“, sagt Joel Meyerowitz, heute längst vorbildlicher Vertreter der Street und Color Photography. „Die Fotografie hat mich alles gelehrt, was ich über die Welt und über mich weiß.“ Im Bildband Die Lizenz zu sehen fasste der Fotograf die wichtigsten Tipps für die Street Photography zusammen: „Die Straße gehört Ihnen, doch wie gehen Sie beim Fotografieren auf der Straße vor? Zuerst müssen Sie Lust auf das Leben auf der Straße haben. Die Straße bedeutet Chaos. Wenn Sie sich im Chaos wohlfühlen, finden Sie Ihren Weg. Auf der Straße müssen Sie das gesamte Bild im Auge behalten. Das Territorium, das Sie durch den Sucher sehen, gehört Ihnen. Einer der interessantesten Aspekte der Street Photography ist, Verbindungen zwischen Dingen herzustellen, die nichts miteinander zu tun haben, denn wenn Sie sie in dasselbe Bild holen, schaffen Sie diese Verbindung. Wenn Sie völlig ins Straßenleben eintauchen, indem Sie zum Beispiel kurz an einer belebten Ecke verweilen, erweckt etwas über kurz oder lang Ihre Aufmerksamkeit: Menschen, die sich auf die eine oder andere Art bewegen, alle möglichen interessanten Gesten und Gesichter und das Zusammenspiel verschiedener Ereignisse. Sie beobachten, wie alltägliche Dinge ihre Besonderheit direkt vor Ihrer Nase entfalten. Bei der Fotografie geht es nur darum, auf Dinge zu reagieren, die Ihre Aufmerksamkeit erregen, und eine Verbindung aufzubauen.“

Auch beim Covermotiv der LFI 5.2025 ist Joel Meyerowitz dies bestens gelungen. Ein Bild, das auch noch ein halbes Jahrhundert nach seinem Entstehen die Neugier der Betrachtenden herausfordert, ohne alle Geheimnisse und Geschichten preiszugeben.
Ulrich Rüter
EQUIPMENT: Leica M2

LFI 5.2025+-

Das Leica Klassiker-Portfolio zum Werk Joel Meyerowitz’ ist in der Ausgabe 5.2025 des LFI Magazins zu finden. Mehr

Joel Meyerowitz+-

Portrait_Joel-Arles 2016
© Maggie Barrett

Geboren am 6. März 1938 in New York City. Er studierte zunächst Malerei und war danach als Art-Direktor tätig. Seit den 1960ern gehört er zu den großen Vertretern der amerikanischen Street und Color Photography. Erste Leica: eine M2, später folgten eine M4 und M6. 1964 viermonatige Reise durch die USA; 1966–1967 Reise durch Europa. 1970 Guggenheim Fellowship, das er für eine weitere Reise durch die USA nutzt. Bis heute verwendet Meyerowitz täglich seine Leica M- und S-Systeme: auf der Straße, für Stillleben, Porträts und Auftragsarbeiten. Zahlreiche Buchveröffentlichungen und Auszeichnungen. 2016 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Leica Hall of Fame Award geehrt. Er lebt und arbeitet in New York und London. Mehr

 

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