Im Dialog: Johanna-Maria Fritz

15. April 2025

Johanna-Maria Fritz erzählt, welche Bilder der Leica-Hall-of-Fame-Gewinnerinnen und -Gewinner ihre fotografische Praxis beeinflussten. Dabei geht es um das perfekte Timing und bedeutungsvolle Momente der Geschichte.
Zur Feier des 100-jährigen Jubiläums von Leica präsentiert die Leica Galerie München ab dem 19. April 2025 die Ausstellung Im Dialog: ein fotografisches Gespräch zwischen Jürgen Schadeberg und Johanna-Maria Fritz. Gezeigt werden Werke des deutschen Fotografen und der deutschen Fotografin. Hier spricht Fritz darüber, wie das vielfältige Werk der Leica-Hall-of-Fame-Preisträgerinnen und -Preisträger ihr Schaffen geprägt hat und welche Bilder sie besonders inspirierten.

Johanna-Maria Fritz: „Die Werke der mit dem Leica Hall of Fame Award Ausgezeichneten Bildschaffenden haben meine Perspektive als Fotografin maßgeblich geprägt. Besonders freut es mich, dass Herlinde Koelbl und Barbara Klemm mit diesem Preis gewürdigt wurden. Ihre Bilder haben mich über meine gesamte Karriere hinweg begleitet und mein Verständnis für visuelles Erzählen und Bildtiefe geformt.

Ich erinnere mich, wie ich als junge Fotografin Barbara Klemms Ausstellung im Gropius Bau in Berlin besuchte. Irgendwo hatte ich gehört, dass sie mit ihrer Kamera oftmals nicht als Bedrohung wahrgenommen oder teilweise sogar unterschätzt wurde. Das hat mich tief berührt. Als Frau ist es oft einfacher, Zugang zu bekommen – die Menschen lassen ihre Schutzmechanismen fallen. Diese Erfahrung teile ich und sehe sie in meiner Arbeit sowohl als Chance als auch als Verantwortung.

Meinen Ausstellungspartner Jürgen Schadeberg und mich verbindet ein gemeinsames Anliegen: die Dokumentation von Geschichte und menschlicher Widerstandskraft. Während er die Apartheid in Südafrika mit dem Fokus auf Unterdrückung und Widerstand festhielt, beschäftige ich mich mit marginalisierten Gemeinschaften und Konfliktzonen weltweit, oft mit auf die Erfahrungen von Frauen gerichtetem Augenmerk. Auch wenn unsere Stile unterschiedliche Epochen widerspiegeln, nutzen wir beide die Fotografie als Werkzeug für Erzählung und Wandel. Diese Ausstellung schafft einen Dialog zwischen vergangenen und gegenwärtigen Konflikten und zeigt, wie Bilder Geschichte bewahren und denen eine Stimme geben können, die sonst häufig übersehen werden.

Eines der Bilder, das für mich besonders heraussticht, ist Thomas Hoepkers 9/11-Fotografie (2001), die eine Gruppe junger Menschen in Brooklyn zeigt, die scheinbar entspannt sitzen, während im Hintergrund die Twin Towers brennen. Der Kontrast zwischen der sich entfaltenden Tragödie und ihrer scheinbar unbeteiligten Haltung löste eine intensive Debatte über Distanz, Perspektive und die Wahrnehmung von Geschichte in Echtzeit aus. Ich finde dieses Bild besonders kraftvoll, weil es unsere Erwartungen an die visuelle Darstellung von Katastrophen herausfordert und zum Nachdenken anregt.

Ein weiteres eindrucksvolles Bild ist Barbara Klemms Bruderkuss (1979). Es zeigt die innige Umarmung zwischen dem sowjetischen Staatschef Leonid Breschnew und dem DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker anlässlich des 30. Jahrestages der DDR. Das Foto symbolisiert die Politik des Kalten Krieges, politische Inszenierung und die enge, aber fragile Verbindung zwischen der Sowjetunion und der DDR. Ich bewundere es für sein perfektes Timing, seine Komposition und die Fähigkeit, einen flüchtigen politischen Moment in ein historisches Symbol zu verwandeln.“
Text: Johanna-Maria Fritz; Fotos: © Thomas Hoepker/Magnum Photos, © Barbara Klemm

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Die Ausstellung in der Leica Galerie München ist vom 19. April bis zum 12. Juli 2025 zu sehen.

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