Neuauflage: The Europeans/Les Européens

Henri Cartier-Bresson

19. Januar 2026

Vor 70 Jahren erschien der heute längst zu den Buchklassikern zählende Bildband Die Europäer von Henri Cartier-Bresson. Jetzt gibt es eine Neuauflage.
Als der Bildband 1955 erschien, stand der Leica-Fotograf und Mitbegründer der Bildagentur Magnum auf einem ersten Höhepunkt seiner Karriere. So wurde er im selben Jahr mit einer großen Retrospektive mit rund 400 Fotografien im Musée des Arts Décoratifs im Pavillon de Marsan des Louvre geehrt. Diese Ausstellung an einem der renommiertesten Pariser Kunstorte zeigte nicht nur die Legitimierung der Fotografie, sondern war auch die ultimative Anerkennung es Fotografen (1908–2004) – noch zu Lebzeiten. Auf dem Buchmarkt waren zu dieser Zeit, zusammen mit dem neuen Bildband, gleich fünf Bücher des Fotografen erhältlich: Drei Jahre zuvor war The Decisive Moment (Images à la sauvette), ebenfalls vom Verleger Tériade mit großem Erfolg veröffentlicht worden. Außerdem lagen Les Danses à Bali (1954), D’une Chine à l’autre (1954) und Moscou (1955) vor, verlegt von Robert Delpire.

The Europeans/Les Européens vereint 114 Fotografien, alle zwischen 1950 und 1955 entstanden, während der viel beschäftigte Cartier-Bresson in Europa unterwegs war, meist im Auftrag eines Magazins. Der Fotograf reiste für Harper’s Bazaar (1951, 1952), Life (1952, 1953) und Holiday (1953) nach Italien, für die Picture Post (1953) und Fortune (1954) nach Deutschland und für Illustrated (1951) und Point de vue (1953) nach England. 1954 wurde sein außergewöhnlicher Bericht über die UdSSR unter anderem in Life, Paris Match und der Picture Post publiziert. Seine Bilder aus Griechenland, Spanien, Irland, Frankreich, der Schweiz und Österreich wurden in zahlreichen anderen Zeitschriften veröffentlicht. Und so ist es auch kein Zufall, dass drei Fünftel der Motive vertikal angelegt sind, da Cartier-Bresson immer die Konzeption von Einzelseiten oder Covern mitdachte. Der Bildband ist allerdings weit mehr als nur ein Nebenprodukt seiner Arbeit für Zeitschriften. Bis heute ist er ein einzigartiges visuelles Zeugnis der Atmosphäre und des Zustands vom Wiederaufbau in Europa nach dem Krieg. Für Cartier-Bresson standen die Menschen im Vordergrund, die er immer wieder in alltäglichen Situationen fotografierte, egal ob bei der Arbeit oder feiernd. Bekannte Sehenswürdigkeiten interessierten ihn nur am Rande, sie sind oft nur Staffage oder verschwinden in Unschärfe. Das Buch hatte nicht den Anspruch, eine vollständige Bestandsaufnahme zu liefern, sondern gibt bis heute ein vitales Porträt der Bewohner eines Kontinents wieder, der sich in einem tiefgreifenden Wandel befand.

Wie bereits bei The Decisive Moment im Jahr 2024 bietet die Fondation Henri Cartier-Bresson nun eine Neuauflage von The Europeans/Les Européens in einem kleineren, handlicheren Format an. 70 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung bietet es eine einzigartige Gelegenheit, das bedeutende Werk aus Cartier-Bressons Œuvre wiederzuentdecken, angereichert mit einem Text des Fotohistorikers Clément Chéroux, der das Werk in seinen historischen und künstlerischen Kontext einordnet.
Ulrich Rüter
Alle Fotos: © Fondation Henri Cartier-Bresson/Magnum Photos

Ausstellung+-

Anlässlich der Neuauflage präsentiert die Fondation Henri Cartier-Bresson unter dem gleichnamigen Titel The Europeans eine von Clément Chéroux, dem Direktor der Stiftung, kuratierte Ausstellung mit den wichtigsten Werken des Buches. Zu sehen vom 28. Januar bis zum 3. Mai 2026 in Paris.

The Europeans/Les Européens+-

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156 Seiten, 114 Schwarzweißabbildungen
24 × 17,7 cm
Fondation Cartier-Bresson
Ausgaben in Englisch und Französisch
Buchcover gestaltet von Joan Miró
 

Henri Cartier-Bresson+-

Er zählt zu den berühmtesten Leica Fotografen des 20. Jahrhunderts: Als Fotojournalist, als frei-künstlerisch arbeitender Fotograf und als sensibler Porträtist schuf Henri Cartier-Bresson (1908–2004) zeitlose Kompositionen und wurde vor allem mit dem Gespür für den entscheidenden Augenblick stilprägend. Das Frühwerk des Franzosen war vom Surrealismus und vom Neuen Sehen der 1920er-Jahre inspiriert, bevor er als Bildjournalist und Begründer der legendären Agentur Magnum Photos die ganze Welt bereiste. Seine Motive spontaner Begegnungen und Situationen und der Blick auf den Alltag seiner Zeitgenossen wurden vielfach Vorbild für nachfolgende Generationen. Mehr

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