Die Geschichte zum Cover

Gianni Berengo Gardin

10. November 2025

In Venedig beobachtete der italienische Fotograf über viele Jahrzehnte den Alltag der Bewohner, die besondere Atmosphäre, aber auch die Herausforderungen der Lagunenstadt durch Klimawandel und Massentourismus.
Er habe sich immer als Venezianer gefühlt, hat Gianni Berengo Gardin gern gesagt, auch wenn er „zufällig in Santa Margherita Ligure geboren wurde, denn dort traf mein Vater Alberto, ein waschechter Venezianer, meine Mutter Carmen, eine Schweizerin, die das Hotel Imperiale, ein großes Luxushotel, leitete“. Aufgewachsen ist der Fotograf in Rom, bevor seine Eltern mit ihm nach dem Zweiten Weltkrieg nach Venedig zogen. Dort hatten seine Großeltern eine Lederfärberei und eröffneten später in der Nähe des Markusplatzes ein Geschäft für Perlen und Muranoglas, in dem der junge Berengo Gardin oft aushalf. In Venedig startete seine fotografische Karriere.

Immer wieder fotografierte er auch auf dem Markusplatz. So entstand 1960 das Bild mit Hochwasser: „Dieses Foto des Platzes habe ich von oben, von der Basilika San Marco aus aufgenommen. Ich hatte mich zwischen den Pferdeskultpturen positioniert. Ich war absichtlich dort hinaufgestiegen, weil ich mir vorstellen konnte, dass sich bei Hochwasser interessante Situationen ergeben könnten.“ Aus dieser Perspektive entstanden mehrere Aufnahmen, die den Markusplatz fast menschenleer unter Hochwasser zeigen. Die Ornamente der Pflastergestaltung sind noch sichtbar; eingerahmt von den Säulenreihen des Platzes stapfen auf dem Covermotiv nur drei Passanten mit Regenschirmen und Gummistiefeln durch das knöchelhohe Wasser.

1964 zog der Fotograf nach Mailand, kehrte aber immer wieder nach Venedig zurück und dokumentierte die Veränderungen in der Stadt. Vor allem schmerzte ihn, dass „Venedig nicht mehr den Venezianern gehört“, sondern dem Tourismus und dem Kommerz. So engagierte er sich auch in einer Initiative, die gegen die zerstörerischen Folgen des Ein- und Auslaufens der Kreuzfahrtschiffe kämpfte. Trotz aller Veränderungen: „Die Anziehungskraft, die die Stadt weiterhin ausübt, steht jedoch außer Frage: Venedig ist von einzigartiger Schönheit und voller Widersprüche“, so Berengo Gardin. „Deshalb lade ich jeden, der die Stadt besuchen möchte, ein, sie zu respektieren und zu versuchen, sich auf ihre wahre Seele einzustimmen, die hinter dem Vorhang des Schnelltourismus nur schwer zu erkennen ist. Venedig muss respektiert, gepflegt und geliebt werden, damit es an die nächsten Generationen weitergegeben werden kann: Wir dürfen ihnen eine solche Schönheit nicht vorenthalten.“
Ulrich Rüter

LFI 8.2025+-

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Gianni Berengo Gardin+-

GBG © Mauricio Beucci
© Mauricio Beucci

Geboren am 10. Oktober 1930 in Santa Margherita Ligure in der Nähe von Genua. Seine Kindheit verbrachte er in Rom; nach dem Zweiten Weltkrieg zog er mit seinen Eltern nach Venedig. Dort war er Mitglied des Fotoclubs La Gondola, veröffentlichte ab den 1950er-Jahren erste Aufnahmen in Magazinen und startete seine Karriere. Sein Fokus lag vor allem auf der humanistischen Fotografie im Reportagestil. Dabei stand vor allem das Leben in Italien im Mittelpunkt, das er meist analog und in Schwarzweiß festhielt. Ab 1964 lebte und arbeitete er in Mailand. Er war sowohl für große Unternehmen als auch als freier Bildjournalist tätig. Seit 1990 wurde er von der Agentur Contrasto vertreten, sein Archiv von der Fondazione FORMA betreut. Sein Lebenswerk wurde in mehr als 260 Publikationen und über 360 Einzelausstellungen präsentiert. 1995 erfolgte die Auszeichnung mit dem Leica Oskar Barnack Award, 2017 der Einzug in die Leica Hall of Fame. Er starb am 7. August 2025 in Genua. Mehr

 

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