Die Stadt als Sehnsuchtsort

Florian E.J. Lang

8. Mai 2026

In seiner Serie Searching for Comfort widmet sich der Fotograf den Großstädten in Indien und sucht dort nach Gemeinsamkeiten im Leben und Alltag zwischen Menschen auf der ganzen Welt.
Die Offenheit der Menschen, ihre Flexibilität und die Bereitschaft zu improvisieren – das sind die Dinge, die den Fotografen Florian E. J. Lang seither an Indien am meisten faszinieren. Mehr als eine Dekade lebte er in diesem Land und hält in seiner Langzeitserie den Alltag auf den Straßen der Städte jenseits des touristischen Blicks fest. Searching for Comfort erzählt von der Suche nach Gemeinsamkeiten individuellen Daseins im urbanen Raum.

LFI: Wie kam es zu dem Projekt?
Florian E. J. Lang: Zum ersten Mal kam ich als Rucksacktourist nach Indien; das war 2006, damals nur für drei Monate und ohne Kamera. Ich empfand das Land als unglaublich intensiv, laut, bunt. Ich war total fasziniert, aber hatte das Gefühl, nichts verstanden zu haben, und verließ es mit mehr Fragen als Antworten. Danach wollte ich immer wieder zurück, um für längere Zeit an einem Ort zu leben und das Land und die Kultur(en) besser verstehen zu lernen. 2010 ergab sich eine gute Gelegenheit. Was damals als fünfmonatiges Projekt geplant war, entwickelte sich zu einem ganzen Lebensabschnitt: Von 2010 bis 2022 lebte ich in Indien, davon zehn Jahre in der Hauptstadt Delhi. Die Serie Searching for Comfort entstand über eine sehr lange Zeit hinweg. Im Fokus stand ein modernes, oft urbanes Indien mit all seinen Widersprüchlichkeiten. Klar war für mich, dass ich Religion und Spiritualität weitestgehend meiden und mich stattdessen auf das Profane konzentrieren wollte.

Was erzählen Ihre Bilder?
Indien ist ein sehr dankbares Land aus Sicht eines Fotografen. Es passiert so viel um einen herum, es wimmelt von Motiven. Viele Fotografen haben in Indien gearbeitet, und viele von ihnen haben dort ihren Blick gefunden. Leider erschöpft sich das dann irgendwann. Es werden immer wieder ähnliche Motive gesucht und abgebildet. Mir wurde es zunehmend wichtig, nicht so sehr das Exotische zu suchen, sondern mich vielmehr auf grundlegende Aspekte des Lebens zu konzentrieren. Letztlich geht es mir nicht um die Andersartigkeit, sondern darum zu zeigen, dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Leben in Indien und in Deutschland gibt. Das ganz Alltägliche. Der Titel dieser Fotostrecke weist darauf hin: Wir streben nach Geborgenheit, nach Freundschaft.

Ihre Serie geht über die Abbildung von Situationen hinaus und verweist auf ein gesellschaftliches Thema – die Abwanderung vom Land in die Städte …
Ursprünglich habe ich eine Serie über die Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeitern und Arbeiterinnen aus der Bekleidungsindustrie fotografiert. Dazu ging ich nach Delhi bzw. in die Metropolregion Delhi. Ich habe dabei die schwierigen, oft ausbeuterischen Verhältnisse kennengelernt und erfahren, dass fast alle der Angestellten für die Arbeit und für bessere Chancen aus ärmeren, oft weit entfernten Regionen nach Delhi gezogen waren. Ich habe sie erst vorrangig als Opfer dieser Umstände gesehen. Irgendwann habe ich aber verstanden, dass sie zwar aus verarmten Verhältnissen kamen, aber nicht nur aus Verzweiflung, sondern auch mit dem Gedanken, in eine moderne Stadt zu gehen und die Welt zu sehen.

Sie sprechen in Bezug auf Ihre Serie von einem „unkonventionellen Blick auf Indien“ – was genau bedeutet das?
Damit meine ich, dass ich versuche, mich nicht oder jedenfalls nicht zu sehr auf die allzu offensichtlichen Dinge zu konzentrieren, die einem einfallen, wenn man an Indien denkt oder die einem, wenn man dort ist, sofort ins Auge fallen, wie – ich verwende mal ein paar typische Klischees – die Bunte Götterwelt des Hinduismus oder die quirligen Straßenmärkte. Ich möchte Indien nicht weiter exotisieren. Ich möchte Dinge fotografieren, bei denen es eigentlich keine allzu wichtige Rolle spielt, dass es sich um ein Land oder einen bestimmten Ort handelt. Es geht mir um die Menschen und das Leben an sich.

Welche Bedeutung hat dabei die Farbfotografie für Sie?
Tatsächlich habe ich lange in Schwarzweiß fotografiert, aber oft sind es eben auch genau die Farben, die mich begeistern, nicht nur in Indien. Es gibt Lichtverhältnisse, die so wunderbare Farben entstehen lassen, dass mir Farbaufnahmen relativ selbstverständlich erscheinen. Andererseits ist Farbe auch noch einmal eine besondere Herausforderung. In gewisser Hinsicht ist die Farbfotografie für mich eine weitere Stufe der Abstraktion von der Realität. Und die besondere Herausforderung ist es, die Farben so wiederzugeben wie ich sie im Moment des Auslösens empfunden habe.
Katja Hübner
ALLE BILDER AUF DIESER SEITE: © Florian E.J. Lang
EQUIPMENT: Leica M-P (Typ 240), Summicron-M 1:2/35 Asph, Elmarit-M 1:2.8/28 Asph

Florian E.J. Lang+-

1980 in Fürth geboren, faszinierte ihn die Fotografie schon seit seiner Kindheit. Nach einem Studium der Kultur- und Medienpädagogik erfüllte er sich einen lange gehegten Traum: eine Reise von Deutschland nach Indien auf dem Landweg, die in sein erstes Fotoprojekt in Indien mündete. Seit 2011 arbeitet er als freiberuflicher Dokumentarfotograf; die meisten seiner Fotoprojekte verwirklichte er in Südasien. Ende 2022 kehrte er nach Deutschland zurück. Er arbeitet für nationale und internationale Publikationen, darunter Der Spiegel, Die Zeit und Le Monde. Mehr

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