Die Natur als Zustand

27. Mai 2026

In der Galerie Buchkunst Berlin ist noch bis zum 30. Mai 2026 die Ausstellung Flowing mit Werken von Yasuhiro Ogawa zu sehen.
Die Schau vereint zentrale Werkgruppen des japanischen Fotografen aus den vergangenen Jahren mit neuen Arbeiten und macht die innere Geschlossenheit seines fotografischen Denkens sichtbar. Ogawas Farbfotografie bewegt sich an der Grenze zwischen Landschaft und Abstraktion, zwischen Wahrnehmung und Auflösung. Farbe ersetzt zunehmend die Form, ohne die Komposition preiszugeben. Yasuhiro Ogawa steht in einer japanischen fotografischen Tradition, in der Natur nicht als Motiv, sondern als Zustand verstanden wird: als Raum von Zeit, Leere und Widerstand. Seine Fotografien sind keine Abbilder von Landschaft, sondern Wahrnehmungsflächen, auf denen sich Licht, Farbe, Bewegung und Dauer einschreiben. Abstraktion ist dabei kein Stilmittel, sondern die Konsequenz einer Haltung, die Sehen als tastenden, offenen Prozess begreift. 
 
Aus dem Unterwegssein, aus dem Reisen, verdichtet sich seine Erzählung zu visuellen Fragmenten, die die Grenzen zwischen Stadt und Land, Mensch und Natur, Geschichte und Fiktion aufheben. Ogawa reist bevorzugt mit dem Zug; das Fenster wird zur fotografischen Schwelle zwischen Innen und Außen, zwischen Stillstand und Geschwindigkeit. Die vorbeiziehende Landschaft verliert ihre Stabilität, wird Oberfläche, wird Farbe. Unschärfe beschreibt dabei einen zeitlichen Zustand. In einigen Serien verstärkt der Künstler diese Erfahrung durch präparierte, handgeschliffene Linsen, die den Bildern eine feine Textur verleihen – wie ein Schleier, der sich über die Wirklichkeit legt.
Katrin Ullmann
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