Buchtipp: New York Short Stories

27. Oktober 2025

Zufällige Begegnungen, flüchtige Momente: die amerikanische Metropole im Blick des deutschen Fotografen Mario Schneider.
Immer wieder New York City! Die Bildbände über die Stadt füllen unendliche Regalmeter, und doch verführt sie alle Fotografinnen und Fotografen zum eigenen Versuch, ein persönliches visuelles Resümee zu finden. Jenseits aller Vorbilder und Klischees gilt es – mit den eigenen Erfahrungen und Vorlieben im Gepäck –, sich dem quirligen Treiben auf den New Yorker Straßen und Plätzen auszusetzen. Jetzt also Mario Schneider, erfolgreicher Dokumentarfilmer, Regisseur, Filmkomponist und Autor. Dass er auch mit der Kamera virtuos umgehen kann, belegt der Bildband, den er unter dem knappen Titel New York Short Stories veröffentlicht hat.

Impressionen aus der U-Bahn, vom Strand, aus Parks, Bars und Straßencafés, vor allem aber immer wieder sehr direkte Porträts von Menschen auf der Straße, die mehr oder weniger auf die Kamera des Fotografen reagieren. Lebhaft oder verloren, fröhlich oder melancholisch, glücklich oder skeptisch: ein Kaleidoskop menschlicher Emotionen und Befindlichkeiten. Schneiders Bilder sind in den letzten drei Jahren entstanden und wirken oftmals bereits jetzt zeitlos.

Der Bildautor wurde 1970 in einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt geboren. In seiner Lebensrealität in der damaligen DDR war auch New York in seiner Jugend ein ferner Traum: „New York war für mich ein Sehnsuchtsort, so wie die Ringe des Saturns“, erinnert er sich. „Was für mich bis zu meinem 20. Lebensjahr unerreichbar schien, ein Ort, den ich niemals sehen würde, wurde für mich erst mit meiner Kamera in den letzten Jahren greifbar.“ Schon sein erster Besuch im Jahr 2000 hinterließ einen bleibenden Eindruck – nachdem er als Tourist bereits durch ganz Europa gereist war, überkam ihn dort zunächst ein völlig neues Gefühl, zu Hause angekommen zu sein. New York war noch mehr als das, was er aus Filmen kannte. Er erlebte den snobistischen Reichtum der High Society ebenso wie die dunkle Seite der Stadt mit Gewalt und Armut. Das Nebeneinander war ein Schock und führte sofort wieder zur Distanz. Nur wenige Aufnahmen machte er damals; erst zwei Jahrzehnte später kehrte er mit Kamera und künstlerischem Ziel zurück. Nun fotografierte er (auch mit seinen Leica Q-Kameras) von morgens bis abends, und es entstand eine sehr persönliche Reflexion über Nähe, Identität und Präsenz.

„Ich kann meine Fotos aus New York als ostdeutschen Blick auf die Stadt bezeichnen. Obwohl der Fall der Mauer nun schon über 30 Jahre zurückliegt, hat sich meine Zeit als Fotograf auf den Straßen von New York wie eine Reise aus der Vergangenheit in die Gegenwart angefühlt“, so Schneider. Seine Fotografien spiegeln dabei die Erfahrung und die Perspektive des Filmemachers wider, der als Geschichtenerzähler die zwischenmenschlichen Begegnungen in den Mittelpunkt stellt. Entstanden ist kein lautes, schrilles Buch, sondern eine sensible Auseinandersetzung mit dem Chaos des Alltags.
Alle Fotos: © Mario Schneider, aus: New York Short Stories, Kehrer 2025

New York Short Stories+-

9783969001943_rgb

Mit Texten von Sergio Purtell, Andreas Reimann, Mario Schneider, Elin Spring.
Gestaltet von Sisters of Design (Anja Krämer).

208 Seiten, 19 Farb- und 102 Schwarzweißabbildungen.
24 × 30 cm, Deutsch/Englisch
Kehrer

Ausstellungen von Mario Schneider+-

Galerie Schiefes Haus, Wernigerode, Deutschland, Herbst 2025
Literaturhaus Halle (Saale), Deutschland, Februar – April 2026
Galerie Fenster, Eberswalde, Deutschland 2026

1/11
1/11

Buchtipp: New York Short Stories