Buchtipp: Infinity Complex Landscape

27. Februar 2026

Ein aktueller Bildband über die Ukraine, der ohne die Realität des Krieges auskommt. Ein ungewöhnlicher Ansatz, um die Geschichte des Landes besser zu verstehen, und ein Aufruf zum moralischen Mut, sich von einfachen Erklärungsmustern zu lösen.
Schon das Cover verdeutlicht, mit welcher „unendlich komplexen Landschaft“ sich Yoshie Itasaka in ihrem neuen Buch beschäftigt hat: Ein helles Kornfeld und ein strahlender Himmel teilen sich das Cover und verweisen mit den Farben Gelb und Blau auf die Nationalflagge der Ukraine. Dass das Land gern als Kornkammer Europas oder gar der Welt bezeichnet wird, liegt an den fruchtbaren Böden der Ukraine, die vor dem aktuellen Angriffskrieg Russlands zu den größten Getreideexporteuren gehörte. Der Bildband startet mit weiteren stillen Landschaftsmotiven, bevor er sich dann dem Leben und Alltag der Menschen widmet. Gezeigt wird Architektur, Denkmäler, vor allem aber immer wieder Märkte mit landestypischen Produkten und Verkäuferinnen und Verkäufern an ihren Ständen.

Die japanische Fotografin (*1984) geht bewusst einen anderen Weg, um die Betrachtenden für die Ukraine zu sensibilisieren. Anders als viele aktuelle Bildbände, die den brutalen russischen Angriffskrieg und seine Folgen thematisieren, nimmt sie sich Zeit, eine Art Kulturgeschichte der Ukraine in Alltagsmomenten zu erzählen: „Wer der Ukraine helfen will, muss sie zuerst verstehen“, schreibt Kimitaka Matsuzato in seinem begleitenden Text. Die Aufnahmen entstanden zwischen 2014 und 2019, also in einer Zeit, als Russland zwar schon die Krim besetzt hatte, der Angriff auf die gesamte Ukraine aber noch nicht erfolgt war. Fotografiert hat die Bildautorin auf verschiedenen Reisen, unter anderem nach Odesa, Kyjiw, Charkiw, Dnipro, Saporischschja, Mariupol und auf die Krim. Ihr Ansatz ist geprägt vom Bewusstsein dafür, wie sehr die Kriege der Vergangenheit – der Erste und der Zweite Weltkrieg sowie der Kalte Krieg – und der Zerfall der Sowjetunion die politischen und emotionalen Landschaften der Gegenwart weiterhin formen.

Itasakas Arbeit basiert auf einer langjährigen Auseinandersetzung mit Themen wie kollektiver Erinnerung, postsowjetischer Identität und historischem Trauma in Mittel- und Osteuropa. Ausgehend von der Geschichte Japans, das selbst Zeiten des Militarismus und der kollektiven Traumata erlebt hat, reflektiert die Fotografin über universelle Muster, die entstehen, wenn Gesellschaften von Ideologien, Angst und fremdbestimmten Vorstellungen kontrolliert werden. Sie sieht ihr Buch als einen visuellen Essay, der Raum für Empathie, Verständnis und ein bewusstes Verhältnis zur Geschichte schaffen soll. „Mit diesem Fotobuch möchte ich die tiefe Sehnsucht nach einer Vergangenheit, die nicht mehr zurückgewonnen werden kann, die unerschütterliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft und die Überzeugung vermitteln, dass diejenigen, die nicht in den Konflikt verwickelt sind, eine Verantwortung tragen, die nicht ignoriert werden darf“ sagt die Fotografin. Ihr geht es um Vermittlung, denn auch nach dem Krieg geht die Geschichte weiter. Nicht Neutralität, sondern Mut ist gefragt: „ein moralischer Mut, sich zu engagieren, zuzuhören, einzugreifen – nicht mit Waffen, sondern mit Weisheit“, so Itasaka. Ein hehrer Wunsch – und ein Bildband, der hoffentlich in die richtigen Hände gelangt.
Ulrich Rüter
Alle Bilder auf dieser Seite: © Yoshie Itasaka

Yoshie Itasaka: Infinity Complex Landscape+-

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Mit einem Text von Kimitaka Matsuzato
288 Seiten, 185 Farbabbildungen
16,5 × 23 cm, Englisch
Kehrer

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Buchtipp: Infinity Complex Landscape