UNSERE WEBSITES
Deutsch
Warenkorb
Artikel hinzugefügt
Zur Kasse

PORTFOLIO

08.10.2021

|
Share:
Es ist wie eine Reise in die Vergangenheit, wenn man eines der zahlreichen indo-portugiesischen Häuser in Goa betritt. Die Schweizer Fotografin Ulka Chauhan ist fasziniert von den Zeitzeugnissen und Erinnerungsfragmenten, die es in den dortigen Kolonialbauten zu entdecken gibt, und hat ihr Projekt der lebendigen Erforschung zweier unterschiedlicher Welten gewidmet: des Portugals von damals und des Goas von heute. Von den Mosaikfliesen auf dem Fußboden bis zu den Kronleuchtern an der Decke, von altertümlichen Möbeln bis hin zu den zahlreichen persönlichen Gegenständen – Beyond the Balcão zeigt eindrucksvoll auf, wie Wohnhäuser Geschichte erfahrbar machen können.

LFI: Was war die ursprüngliche Idee beziehungsweise die Motivation für Ihr Projekt Beyond the Balcão?
Ulka Chauhan: Seit einigen Jahren lebe und arbeite ich zwischen zwei sehr unterschiedlichen Welten: Indien und der Schweiz. Aufgrund des ständigen Pendelns zwischen diesen beiden kontrastreichen Ländern fühle ich mich besonders zu Geschichten hingezogen, die die Energie und Spannung von Gegensätzen einfangen. Beyond the Balcão ist eine thematische Erkundung der Überschneidung zweier unterschiedlicher Welten.
Die Porträts der kolonialen indo-portugiesischen Häuser in Goa befassen sich nicht nur mit den beiden Welten Indiens und Portugals, sondern untersuchen auch die Gegenwart und die Vergangenheit. Die 100 bis 500 Jahre alten Häuser, die während der über vier Jahrhunderte währenden Herrschaft der Portugiesen in Goa (von 1510 bis 1961) errichtet wurden, sind nicht nur Überbleibsel der Geschichte. Sie sind das aktuelle Zuhause ihrer Bewohner und dienen weiterhin als Bühne für die Rituale des täglichen Lebens. Da sie sich seit Generationen im Besitz derselben Familien befinden, sind diese Häuser wie majestätische Gedächtnisstützen, greifbare Beweise für erlebte Zeiten.

Können Sie den Titel Ihres Projekts erklären?
Der Titel dieser Geschichte ist inspiriert vom allgegenwärtigen architektonischen Merkmal jedes indo-portugiesischen Hauses – dem Balcão, einem Balkon, der mit der Haustür verbunden ist und auf die Straße blickt. Er ist auch ein bedeutendes Symbol für Befreiung und Modernität. In der vorkolonialen Ära wurde das Leben im Einklang mit der Tradition nach innen gelebt. Die Freiflächen eines jeden hinduistischen Elitehauses waren um einen Innenhof herum angeordnet. Alle Wohnräume öffneten sich zu diesem zentralen Innenhof, in dem die Familie zusammenkam. Mit der Ankunft der Portugiesen und der Übernahme des Christentums begann man, das Leben offener und nach außen hin zu leben. Dieser Perspektivenwechsel schlug sich auch in einer neuen Architektursprache nieder. Die Innenhöfe der Häuser wichen bald den Balcões mit Blick auf die Straße. Ein privater und doch öffentlicher Raum, der im Freien und doch geschützt liegt, wurde bald zu einem Ort, an dem die Familien mit den Passanten plaudern konnten. Der Titel Beyond the Balcão ist eine Hommage an diesen symbolischen Wechsel zwischen der inneren und der äußeren Welt und an den Übergang zwischen Gegenwart und Vergangenheit.

Wie haben Sie die verschiedenen Orte gefunden? Und wie haben die Besitzer reagiert, als Sie ihnen von Ihrem Projekt erzählten?
Bei diesem Projekt habe ich mit einem lokalen Ausstatter in mehreren Phasen zusammengearbeitet. Die Recherchephase war sehr wichtig, da ich die Häuser nicht nur in der Hauptstadt Panaji, sondern auch in verschiedenen Dörfern in Nord- und Südgoa dokumentieren wollte. Außerdem wollte ich sicherstellen, dass ich eine vielfältige Auswahl an Häusern in Bezug auf ihr Alter und ihre Größe hatte. Nachdem ich die Auswahl auf zehn Häuser eingegrenzt und die Erlaubnis zum Fotografieren eingeholt hatte, besuchte ich jedes dieser Häuser mehrmals. Die Besitzer waren sehr stolz darauf, mich herumzuführen, und erzählten mir gern Geschichten aus ihrer Vergangenheit.

Einige der Häuser sehen wirklich wie Museen aus! Was war das für ein Gefühl, diese fotografische Zeitreise zu unternehmen? Was haben Sie am Ende aus dem Projekt gelernt?
Jedes Merkmal in jedem Haus führte mich zu einem tieferen Verständnis der Zeit. All diese greifbaren Zeitzeugnisse zeugen nicht nur von den größeren historischen, kulturellen und politischen Momenten, die Goa geprägt haben, sondern sind auch Erinnerungsfragmente der vergangenen Generationen dieser Familien. Durch dieses Projekt wurde mir der Wert des Familienerbes bewusst und wie es die persönliche Identität prägt. Während greifbare Beweise wie diese Häuser der Vergangenheit in der Zukunft verändert werden können, bleiben Fotografien ein mächtiger Zeuge für die Geschichte der Zeit. Es heißt, dass Geschichte geschrieben und umgeschrieben werden kann, aber die Fotogeschichte einer Person oder eines Ortes nicht – ein Bild bleibt für immer im Rahmen der Zeit eingebrannt. (Interview: Danilo Rößger)

Alle Bilder auf dieser Seite: © Ulka Chauhan
Equipment: Leica M10-R mit Summilux-M 1:1.4/35 Asph.
© Tina Dehal

Ulka Chauhan

Geboren in Mumbai, studierte Ulka Chauhan in Indien, der Schweiz und den USA und hat einen Bachelorabschluss in Betriebswirtschaft mit Schwerpunkt Finanzen und Wirtschaft. Ihre Leidenschaft für die Fotografie wurde durch einen Fotoworkshop im Jahr 2019 ausgelöst. Seitdem wurden ihre Bilder in den Blogs von Leica sowie auf verschiedenen Websites für Kunst, Geisteswissenschaften und Fotografie veröffentlicht. Sie hat 2019 und 2020 an Gruppenausstellungen in Zürich und Mumbai teilgenommen und wird demnächst unter anderem im Venice Photo Lab und beim Treviso Photographic Festival ausstellen. Sie ist aktives Mitglied des Swiss Street Collective und Mitherausgeberin von dessen Blog.

Webseite
Instagram
Link teilen:
via E-Mail Mail
BLEIBEN SIE AUF DEM LAUFENDEN MIT DEN LFI NEWS CHANELS: LFI APP ZUM DOWNLOAD:
lfi
auf facebook
lfi
newsletter
lfi
app
Schließen