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ONE PHOTO – ONE STORY

05.11.2021

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Die Bavestrello-Passage ist heutzutage voller Graffiti, erscheint ein wenig verwahrlost, keine Magie will sich einstellen. Aber auch schon 70 Jahre zuvor bedurfte es eines gut konditionierten Fotografenblicks, um aus einem städtisch-unscheinbaren Ort eine fotografische Ikone werden zu lassen. Sergio Larrain ist es zweifellos mit der Aufnahme der beiden Mädchen auf der Treppe der Bavestrello-Passage gelungen.

Mittagszeit in Valparaíso im Jahr 1952 – wieder einmal war der Fotograf auf Motivsuche. Am oberen Ende einer der Treppen, die Valparaíso durchziehen, blieb er stehen: Ein Mädchen im hellen Kleid, das dunkle Haar zu einem Bob frisiert, geht die Stufen hinunter. In der rechten Hand trägt sie eine Glasflasche. Hat er sie angesprochen, damit sie stehenbleibt? Was für eine Fügung, dass in diesem Moment ein zweites Mädchen an ihm vorbeiging, ebenfalls in einem hellen Kleid und mit einer Flasche in der Hand. Sind es Zwillinge, ist es einfach nur ein Zufall? Der Fotograf zögerte nicht lange und machte mit seiner Leica nur eine Aufnahme dieser geheimnisvollen Doppelgängerinnen. Es sollte eines seiner bekanntesten Motive werden. Für ihn war es immer mehr: „Das war das erste magische Foto, das mir zufiel“, so Larrain, „so etwas passiert einem nur in Valparaíso.“

Es ist diese spezielle Atmosphäre aus schwebender Spontaneität und geschlossenem Bildaufbau, die das Motiv bis heute einzigartig wirken lässt. Licht- und Schattenflächen, Raumöffnungen und Oberflächenstrukturen und vor allem Linien, die das Bild durchziehen: All diese Elemente strukturieren die Aufnahme und führen zu einem dichten, fast bühnenartig erscheinenden Bildaufbau. Je länger man die Fotografie betrachtet, umso mehr Details fügen sich in die Bildkomposition ein. Larrain fotografierte aus dem perfekten Bildwinkel den genau richtigen Ausschnitt. Aus einer alltäglichen Szene wurde so ein zeitloser Moment. Dieses Vorgehen wurde typisch für den Fotografen, dem es als stillem Flaneur immer wieder gelang, aus der banalen Alltagsrealität auf den Straßen der Metropolen besondere Meisterwerke herauszufiltern.

Sergio Larrain stand zum Zeitpunkt der hier gezeigten Aufnahme am Anfang seiner fotografischen Karriere, die er wenige Jahre später in London und Paris fortsetzen sollte, bevor er 1960 nach Chile zurückkehrte. Bereits in den 1950er-Jahren interessierte sich Larrain auch für Meditation und spirituelle Aspekte, die in seiner zweiten Lebenshälfte dann sein Leben bestimmen sollten. Seine schöpferische Erfüllung fand er nun in der Malerei, im Schreiben und in der Yogapraxis und zog sich bis zu seinem Tod 2012 weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde sein fotografisches Werk umfangreich präsentiert und ausgestellt, gilt aber noch immer als Entdeckung. (Ulrich Rüter)

Aus Anlass seines 90. Geburtstages präsentieren wir in der neuen LFI-Ausgabe 8/2021 ein Portfolio seiner besten Aufnahmen.
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