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PORTFOLIO

23.01.2017

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Seit ich wusste, dass ich nach Istanbul kommen würde, hat es mich gereizt, Ara und Kurt zu vergleichen.
Dabei kam mir die aus dem Thai-English stammende Redewendung „Same, same but different“ in den Sinn.
Ich werde ich im folgenden auf ihre Fotografien konzentrieren, doch schon bevor wir uns den Bildern zuwenden, fallen bereits Parallelen ins Auge.
Kurt Hutton wurde fast 30 Jahre vor Ara Güler geboren und starb schon 1960, mit nur 67 Jahren. Beiden gemeinsam aber ist der Blick des Außenseiters. Kurt stammte aus Deutschland, aber lebte und arbeitete in London. Ara, 1928 in Instanbul geboren, ist armenischer Herkunft.
Beide kamen aus einem relativ wohlhabenden Elternhaus, aber hegten tiefe Sympathien für die Arbeiterklasse und ein aufrichtiges Interesse an deren täglichem Überlebenskampf .
Trotz des Altersunterschieds entwickelten beide ihren kreativen Stil im Fotojournalismus: Kurt als einer der Pioniere und unbesungenen Helden des Genres, Ara als jemand, der genau auf dem Höhepunkt der Goldenen Ära des Fotojournalismus dazustieß: Die illustrierten Magazine waren etabliert und begannen internationale Reichweite zu erlangen. 1958 eröffnete das US-Magazinhaus Time-Life eine Dependance in der Türkei, und Ara wurde dessen erster Korrespondent für den Nahen Osten. Bald schon folgten Aufträge weiterer internationaler Medien, etwa „Paris Match“, „Stern“ und „Sunday Times“.
Sowohl Kurt als auch Ara arbeiteten vorzugsweise mit der Leica, beiden gemeinsam ist ein humanistischer geprägter Blick auf das Leben, ein Fokus auf das Individuum, ganz gleich, ob sie Protagonisten der Arbeiterklasse oder Berühmtheiten, Künstler oder Politiker fotografierten.
Ara Güler sagte einmal: „Wenn ich ein Bild von der Hagia Sofia mache, dann ist es der Mensch, der vorübergeht, der für das Leben steht.“ So ähnlich hätte es auch Kurt Hutton sagen können, von dem überliefert ist: „Wenn ein Fotograf sich nicht für Menschen interessiert, dann könnte er ebenso gut die Wachsfiguren bei Madame Tussaud’s ablichten.“
Im direkten Vergleich freilich scheint es mir, als sei Ara härter in seinen Porträts von Berühmtheiten und viel höflicher in seinen Bildern von „gewöhnlichen“ Menschen. Doch im Werk beider Fotografen wird man kaum je irgendein Bild finden, das nicht ihr Interesse am Menschen widerspiegelt.
Es gibt aber aber faszinierende Unterschiede im Kompositionsstil, etwa im Hinblick auf den Einsatz von Licht und Schatten.
Aras Bilder erscheinen mir „dunkler“, nicht bloß im technischen Sinn, sondern auch bezüglich der Art, wie er das fotografiert, was seine Aufmerksamkeit weckt. Es gibt weniger Humor in seinen Bildern, dafür einen härteren Realismus. In seinen Porträts geht er sehr viel näher ran, oft lässt er ein Gesicht den ganzen Bildrahmen ausfüllen. Ara ist experimentierfreudiger, er scheint mehr seinem subjektiven Blick zu vertrauen – eine Haltung, die ihn näher heranrückt an spätere Generationen von Fotografen.
Kurt auf der anderen Seite ist mehr Geschichtenerzähler, er sorgt sich auch mehr um visuelle Ausgewogenheit, er vermeidet fast immer tiefes Schwarz, zugunsten einer gleichmäßigen Verteilung von Grauwerten über das ganze Bild.
Für Kurt war das Erzählerische wichtig. Er schreckte nicht davor zurück, einzugreifen in das, was sich vor seinem Objektiv abspielte, wenn es der Geschichte nützte, die er vermitteln wollte.
Als Ara auf dem Höhepunkt seines Schaffens war, hatte das Ethos der Street Photography sich fest etabliert, und an dem Bekenntnis, die Welt so zu fotografieren, wie man sie vorfand, gab es nichts mehr zu rütteln.
Ich denke, man könnte Kurt als einen Fotografen des Übergangs zwischen der Studiofotografie des späten 19. Jahrhunderts und dem entschiedenen „decisive moment“-Ansatz, wie ihn Henri Cartier-Bresson unsterblich verlörpert hat, bezeichnen.
Mit seiner Linken hält Kurt gleichsam die Hand der Fotografen früherer Perioden, für die es gang und gäbe war, eine Szenerie zu arrangieren, und die gerade erst damit begonnen hatten, aus dem Studio nach draußen zu gehen; mit der Rechten weist er in die Zukunft – in Richtung von Aras Generation und ihrer Fotografie im Geiste des „decisive moment“.
Keiner von beiden begriff sich je selbst als Künstler. Kurt war aktiv zu einer Zeit, da die Fotografie noch nicht ihren Weg in die Kunstgalerien gefunden hatte. Vermutlich wäre ihm selbst der Gedanke niemals gekommen, womöglich ein Künstler zu sein.
Ara wiederum, auch wenn das nicht sein Ziel war, wirkte in einer Epoche, in der die von diesen Pionieren des Fotojournalismus festgehaltenen Momente die Aura von Archetypen annahmen.
Heute, und das zu Recht, sind beider Arbeiten hinausgetreten aus dem Kontext der Gebrauchsfotografie für die illustrierten Blätter und sind zu Kunstwerken geworden. Kunstwerke, die aus einer persönlichen Art zu sehen geboren sind und realisiert worden durch den subtilen, intuitiven Gebrauch der Leica.
Fotografen wir Ara und Kurt haben das Potenzial der drei Variablen Blende, Zeit und Schärfeebene zu einer Harmonie getrieben, die die Zeiten überdauert und auch heute zu uns spricht. Ja, die Bilder verströmen auch einen Hauch von Nostalgie, aber es geht um mehr als das: diese Bilder legen Zeugnis ab von etwas Vergangenem, aber sie enthalten auch die zeitlose Essenz des Humanismus und der individuellen Kreativität.
Ernst Schlogelhofer
Kurt Hutton: Wartende Männer
Ara Güler: Männer
Kurt Hutton: Ingrid Bergman und Alfred Hitchcock
Ara Güler: Dustin Hoffman
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