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11.12.2016

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Als man den Müll der Landflüchtigen, die sich nach dem Koreakrieg an dem kleinen Flüsschen in der großen Stadt niedergelassen hatten, nicht mehr sehen wollte, verbarg man das Flüsschen unter einer Betondecke. Später kam noch eine Stadtautobahn auf Stelzen darüber. Seoul wollte Modernisierung um jeden Preis. Das ist durchaus gelungen. Jahrzehnte danach aber: ein ambitioniertes Rückbauprojekt. Weg mit der Autobahn, weg mit der Betondecke. Auf knapp zehn Kilometern mitten in der City von Seoul fließt nun wieder der Cheonggyecheon.

Und auch wenn Umweltschützer kritisieren, es ginge hier nicht wirklich um Renaturierung, sondern um symbolische Stadtentwicklung – Vögeln, Fischen und Insekten scheint es zu gefallen. Selbst der Verkehrsfluss profitierte vom Abriss der Autobahn – ein Phänomen, das nach dem deutschen Mathematiker Dieter Braess als Braess-Paradoxon benannt ist: Gibt es mehr Straßen, kann die beschränkte Rationalität des Einzelnen bewirken, dass kollektiv die Fahrzeiten länger werden als bei weniger Straßen.

Seit 2005 jedenfalls zieht sich durch die Megacity Seoul ein als Naherholungsgebiet ausgewiesener Streifen, der als Leuchtturmprojekt nachhaltiger Stadterneuerung gilt. Folgt man seinem Lauf, lassen sich aber auch die Widersprüche urbanen Lebens an ihm ablesen. Der Fotograf Cam McLaren begab sich auf eine Wanderung entlang des Cheonggyecheon und gewann der Gegend plakative Details ab.

„Morgens nahm ich die U-Bahn bis zur Quelle des Flüsschens im zentralen Geschäftsviertel Seouls. Ich ging los und stieß immer mal auf Wandmalereien und Kunstinstallationen, die auf die Viertel verwiesen, die entlang seines Verlaufs liegen. Regelmäßig verließ ich den direkten Weg und tauchte ein in die verschiedenen Gemeinschaften rundum. Es ist erstaunlich, wie sich die Stadt verändert, wenn man den Strom entlang bewegt. Wie in jeder Stadt, so liegen auch in Seoul Arm und Reich nah beieinander. Hier empfand ich die Trennung als sehr stark. Ich verbrachte Zeit mit erfolgreichen Geschäftsleuten, und ich verbrachte Zeit mit Menschen, die vom Handel mit gefundenem Trödel leben. Man kommt vorbei an unwirtlichen Betonwüsten, man begegnet traditionellen, fast bäuerlichen Lebensstilen.

Als ich stundenlang stromabwärts gegangen war, entdeckte ich ein Seoul, das sich sehr von seinem internationalen Image als der weltweit am stärksten vernetzten Stadt unterscheidet. Man kann sich sehr einsam fühlen am Cheonggyecheon. Doch eines Tages hörte ich Musik. Sie ertönte unter einer Brücke. Das war mein nächstes Ziel. Als ich dorthin kam, fand ich eine größere Gruppe älterer Einheimischer. Sie machten Party. Es war eine ernsthafte Party, sie tranken alle Makgeolli und Soju. Alle waren sehr gut gekleidet, sie waren alle schön. Ich wurde begrüßt und begann zu trinken und mit ihnen zu tanzen. Niemand sprach Englisch, aber man sah meine Leica Monochrom und wusste, warum ich dort war. Dies war eine der schönsten und einzigartigsten Erfahrungen meines Lebens. Eine, die ich niemals gemacht hätte, wenn ich nicht dem Cheonggyecheon gefolgt wäre.“

Cam McLaren wird auch im kommenden Jahr noch einmal dem Cheonggyecheon folgen. Er plant, seine Beobachtungen in einem Fotobuch zusammenzustellen.

Cam McLaren

Der Kanadier hat seine Vorliebe für Dokumentarfotografie und Fotojournalismus schon früh entdeckt. Mit Fokus auf die Lebensbedingungen der Menschen konzentriert sich McLaren in seiner Arbeit auf Menschen und Gemeinschaften, von denen die Öffentlichkeit sonst nur wenig erfährt. Seine Auftragsarbeiten und persönlichen Projekte werden weltweit ausgestellt und veröffentlicht.

www.cammclaren.com
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