UNSERE WEBSITES
Deutsch
Warenkorb
Artikel hinzugefügt
Zur Kasse

ONE PHOTO – ONE STORY

17.11.2014

|
Share:
„Das Bild schoss ich genau sechs Monate, bevor im Weißen Haus der Truppenabzug aus dem Irak beschlossen wurde. Es entstand auf einer Presseveranstaltung der irakischen Armee oder, wie wir es in Journalistenkreisen nennen, eine ‚Dog and Pony Show‘: Die spektakuläre Inszenierung einer fiktiven Militäroperation um Stärke zu beweisen und der Welt zu zeigen, dass die irakische Armee die Sicherheitslage im Land unter Kontrolle hat und auch ohne die Unterstützung der Amerikaner zurecht kommt. Beobachten sollten wir das Spektakel von einem Boot vor der Küste der Stadt Basra aus. In dem Szenario hatten vermeintliche Terroristen eine kleine Hütte auf einer unbewohnten Insel eingenommen. Die Insel, welche das irakische Militär mit einer koordinierten Aktion von Luft-, Wasser- und Bodentruppen befreien wollte, war kaum größer als ein Fußballfeld. Ich weiss nicht mehr genau ob es bei dem Szenario auch Geiseln gab, aber wenn, dann sollten sie auf jeden Fall gerettet werden. Es war eine reine PR-Aktion, zu der ich gebracht wurde, um sie zu fotografieren - am Ende schoss ich nicht ein Bild von der Aktion.

Wir wurden an Deck gebracht: In pompösen goldgefärbten Stühlen saßen hochrangige irakische Militärs, bereit für das Spektakel. Das Foto fasst für mich perfekt zusammen, was bei der US-Invasion im Irak alles schief gelaufen ist. Nach all den Lügen, die erzählt, und all dem Blut, das vergossen wurde, sollte genau eine Sache erreicht worden sein: Sadam Hussein und sein grausames autoritäres Baath-Regime loszuwerden. Die Amerikaner gingen für dieses Ziel so weit, im Jahre 2003 das irakische Militär aufzulösen und statt dessen hunderttausende wütende Männer zu bewaffnen – und das alles in einem Land, in dem kein funktionierendes Sicherheitssystem mehr existierte. Eine katastrophale Fehlentscheidung, die auch heute noch bemerkbar ist. Paul Bremer, Regierungsbeamter unter George W. Bush, begründete damals die Entscheidung mit den Worten: ‚Wir tun dies, um dem irakischen Volk zu demonstrieren, dass weder Sadam noch seine Leute zurückkommen werden.‘

Aber hier waren sie wieder, direkt vor mir: Die neuen Offiziere des Iraks. Sie trugen Pilotenbrillen, gepflegte Schnurrbärte und saßen rauchend auf ihrem goldenen Thron. Ich hatte das Gefühl, durch das Set eines Sylvester Stallone Films Anfang der 90er-Jahre zu spazieren. Um mich herum die Bewerber für die Rolle des Bösewichts. Wenn man das Bild betrachtet wird man kaum auf die Idee kommen, hier einen Vertreter und Verteidiger der Demokratie zu sehen, welche die Amerikaner im Irak etabliert haben wollen. Den ganzen Nachmittag fotografierte ich die Offiziere in ihren Stühlen, nicht einmal drehte ich mich um, um dem Militärspektakel in meinem Rücken Aufmerksamkeit zu schenken. Dies ist ein Bild, das meiner Meinung nach ein irakisches Sprichwort perfekt illustriert: ‚Damals hatten wir einen Sadam, heute haben wir viele …‘“

Ayman Oghanna

Der Fotograf mit irakischen Wurzeln wurde in London geboren, wo er auch aufwuchs. Heute lebt er in Istanbul und im Irak, wo er die aktuelle Situation dokumentiert. Seine Bilder erschienen u.a. in The New York Times, The Guardian, Vice Magazine.

www.aymanoghanna.com
Link teilen:
via E-Mail Mail
BLEIBEN SIE AUF DEM LAUFENDEN MIT DEN LFI NEWS CHANELS: LFI APP ZUM DOWNLOAD:
lfi
auf facebook
lfi
newsletter
lfi
app
Schließen