Begegnung mit Peggy Guggenheim

Stefan Moses

7. August 2018

Mit Stefan Moses und Peggy Guggenheim haben sich in Venedig offenbar zwei Seelenverwandte getroffen; auf jeden Fall aber vereinen den Fotografen und die Sammlerin das Interesse und die Lust an der Inszenierung.
Ob Peggy Guggenheim sich am Morgen bei der Auswahl ihrer Garderobe bewusst für eine rote Strumpfhose entschieden hat? Die Farbe harmoniert auf jeden Fall gekonnt mit dem Kunstleder der Sitzbank im Motoscafo, in dem sie für Stefan Moses vor der Kulisse Venedigs posiert. Das Bild gehört in eine Serie von Aufnahmen, die der Münchner Fotograf im April 1969 von der Sammlerin und Mäzenin Peggy Guggenheim (1898–1979) aufgenommen hat. Ihrem Ruf als exzentrischer Paradiesvogel wird sie auch bei dieser Gelegenheit wieder gerecht, hat sie doch für die Aufnahmen in dem Wassertaxi eine ungewöhnliche Nachtfalterbrille des US-amerikanischen Designers Edward Melcarth als Accessoire dabei. Stefan Moses (1928–2018) besucht sie 1969 erstmals; zusammen mit dem Autor Uli Weyland hat er viel Zeit, eine Geschichte über Guggenheim zu produzieren. Er fotografiert sie in ihrem privaten Domizil, dem Palazzo Venier dei Leoni am Canal Grande, und an weiteren Stationen in der Lagunenstadt.

Ein zweiter Besuch, diesmal zusammen mit dem Journalisten Franz Spelman erfolgt fünf Jahre später. Nur wenige Motive dieser Begegnungen sollten später in deutschen Magazinen veröffentlicht werden. Erst mit einer Verspätung von fast 50 Jahren breitet ein Bildband das Zusammentreffen von Moses und Guggenheim in seiner gesamten Vielfalt aus: Unter dem Titel Begegnungen mit Peggy Guggenheim hat Stefan Moses kurz vor seinem Tod das Projekt publizieren können. Der Band zeigt, dass sich in Venedig offenbar zwei Seelenverwandte getroffen hatten, auf jeden Fall aber vereinen den Fotografen und die Sammlerin das Interesse und die Lust an der Inszenierung und beide teilen die Neigung zu ironischen und skurrilen Bildfindungen.

Dass Moses die gesamte Serie mit seiner Leica in Farbe fotografiert hat, erschließt sich ebenfalls erst mit dem neuen Bildband. Der Fotograf verwendet fast ausschließlich Schwarzweißmaterial, doch da er auch die Sammlung Guggenheim dokumentieren will, hat er reichlich Farbfilme für seinen Venedigbesuch eingepackt. In Veröffentlichungen entscheidet er sich später auch bei diesem Bild meist für die schwarzweiße Variante – sie ist auch als Auftaktmotiv in der LFI 6/2018 zu finden (im Handel ab 10. August 2018), die Stefan Moses als Leica Klassiker vorstellt. Ulrich Rüter

Die Ausstellung Stefan Moses. Künstler läuft noch bis zum 21. September in der Berliner Galerie Johanna Breede PHOTOKUNST.

Buchtipp: Stefan Moses - Begegnungen mit Peggy Guggenheim
Elisabeth Sandmann Verlag, München 2018

Stefan Moses+-

1_Stefan_Moses__Selbstportraet_mit_Kameras__um_1960__c__Else_Bechteler-Moses_web
Stefan Moses, Self-portrait with cameras, around 1960 © Else Bechteler-Moses

Geboren am 29. August 1928 in Liegnitz/Niederschlesien (heute Polen). Sein Vater, ein jüdischer Rechtsanwalt, verunglückt 1932 tödlich; mit der Mutter zieht er 1938 nach Breslau. Fotografenausbildung bei Grete Bodlée.
1947 als jüngster Theaterfotograf am Nationaltheater Weimar. 1950 Umzug nach München; für verschiedene Magazine tätig; zahlreiche Reisen. Ab 1960 fester Fotograf des Stern. LFI 2/1963 widmet ihm als „Meister der Leica“ ein Portfolio. Er beginnt intensiv an freien Projekten zu arbeiten.
1995 übergibt er seinen fotografischen Vorlass dem Fotomuseum im Münchner Stadtmuseum. Zahlreiche Publikationen, Ausstellungen und Ehrungen. Am 3. Februar 2018 ist Stefan Moses in München verstorben. Mehr

 

Begegnung mit Peggy Guggenheim

Stefan Moses