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ONE PHOTO – ONE STORY

09.10.2015

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Als ich 1955 nach Paris zog, war die Stadt voller fotografischer Bezüge. Hier zu fotografieren schien fast zu einfach. Die Treppen von Montmartre, die Kinder mit dem Baguette unter dem Arm, die Straßenlaternen im Nebel und die Rummelplätze aus den Vorkriegsjahren: All das erinnerte mich an die Filme der 30er-Jahre und natürlich auch an den sogenannten humanistischen Fotografen, für den diese Filme eine Inspirationsquelle waren (obwohl den meisten dieser Filme eine Rührseligkeit innewohnt, die absolut nicht mein Stil war). Im nächsten Jahr erhielt ich von einer amerikanischen Publikation, einer die man als „Männermagazin“ bezeichnet, den Auftrag, eine Geschichte über das Pariser Nachtleben zu fotografieren. Das Angebot klang ein bisschen anrüchig, aber ich konnte es mir nicht leisten, es hochnäsig abzulehnen. Rückblickend betrachtet, bin ich froh, dass ich zugesagt habe.

Das habe ich mir Jahre später über diesen Auftrag notiert: „Auf der Place Pigalle führten die uniformierten Türsteher eine großartige Willkommenszeremonie für mich auf, die allerdings sehr schnell in Verachtung umschlug, sobald sie erfuhren, dass ich die Stripperinnen in ihrer Garderobe fotografieren wollte. Um zwei Uhr morgens, nachdem ich auf der Place Pigalle und in den umliegenden Gassen nirgendwo Einlass fand, beschloss ich schließlich die großen Geschütze aufzufahren. Ich steckte dem Türsteher des Sphynx einen 5000-Franc-Schein zu (wohlgemerkt, 5000 Franc in den 50ern!), obwohl die Neonbeleuchtung dort ein wenig matt war und sein Anzug recht abgenutzt aussah. Aber vielleicht waren es auch gerade diese kleinen Mankos, die ihn dazu bewogen, das Geld einzustecken und mir ohne weitere Umstände Einlass in den Nachtclub zu gewähren.

Die Stripperinnen freuten sich über meinen Besuch. Vermutlich war das Publikum an jenem Abend so trostlos, dass sie schon ein einsamer Paparazzo und dessen Aufmerksamkeit erfreuen konnte. Ich hingegen machte so viele Bilder wie möglich, als ob ich ahnte, dass mein Glück nicht von Dauer sein würde. Und tatsächlich, nachdem ich vier oder fünf Filmrollen verschossen hatte, fragte mich eine der Stripperinnen: ‚Wie viel zahlst du?‘ Keineswegs eine unangemessene Frage, aber ich hatte nicht die Mittel, etwas zu geben. Ich gab vor, nichts gehört zu haben, und trat hektisch den Rückzug an, bevor die anderen sich anschließen konnten. Als ich am nächsten Tag meine Kontaktabzüge durchsah, stellte ich fest, dass ich eine Geschichte hatte, und beschloss zum Sphynx zurückzukehren. Ich hatte mich in eine der Frauen verguckt, vielleicht wegen ihrer kleinen Brüste und breiten Hüften. Diese seltene Zusammentreffen erinnerte mich auch an Baudelaires Zeilen:

‚Ich glaubt’ vereint zu sehen, was ich noch nie geschaut,
Antiopes Hüften und die Schultern eines Knaben,
Den kräftigen Gliedern und der fahlen, braunen Haut
Die duftigen Salben fremde Reize gaben‘

Vielleicht auch wegen ihres Namens, Yvette, der mir heute gar nicht mehr außergewöhnlich erscheint, aber damals in meinen Ohren wie der ganze Charme Frankreichs klang. Doch zwei Mal klingelt der Postbote leider nie. An jenem Abend bewachte ein anderer Cerberus den Eingang des Sphynx, der wohl die Anweisung erhalten hatte, keine Fotografen einzulassen, und der jeder Bestechung widerstand.“

Frank Horvat

Frank Horvat: 1928 im italienischen Abbazia geboren (heute Opatija, Kroatien), begann 1947 als Autodidakt. Ab 1957 widmet er sich der Mode- und Werbefotografie. Bei Hatje Cantz erscheint im Oktober Please Don’t Smile. Horvat lebt in Paris.

www.horvatland.com
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