INTERVIEW

09.06.2015

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Borderline, was bedeutet das eigentlich? Weltweit sind viele Millionen, meist junge Frauen, von der Persönlichkeitsstörung betroffen, in Deutschland etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung. Seine Erfahrungen als Therapeut und Forscher brachten Sven Barnow auf die Idee, diese Menschen zu fotografieren. Er wollte zeigen, was Frauen mit Borderline wirklich ausmacht, was hinter dieser Störung steckt. Ein Gespräch über Herausforderungen, bewusste Reduzierung und weitere Pläne.

Sie arbeiten als Psychologe und Psychotherapeut. Wie sind Sie zur Fotografie gekommen?

Ich habe mich schon immer dafür interessiert, Fotografien zu machen und zu entwickeln. Gleichzeitig fand ich es spannend, wie sich der Gesichtsausdruck in verschiedenen Situationen verändern kann. Das habe ich schon als Kind bemerkt. Das ist der Punkt, an dem sich Fotografie und Psychologie überschneiden. Umso intelligenter ein Lebewesen ist, desto mehr Facetten besitzt es. Manchmal sind diese Facetten schwer in einer wissenschaftlichen Art zu beschreiben. Fotografie kann verschiedene Aspekte der Persönlichkeit beleuchten – vorausgesetzt der Fotograf ist sensibel genug. Das Medium Fotografie ist dafür wie geschaffen. Das wird in der Psychotherapie besonders deutlich. Hier durchlaufen viele Patienten einen sehr positiven Wandel. Ich habe unzählige Male gesehen, wie sich ihr Gesichtsausdruck, ihre Gestik, vollkommen gewandelt hat.

Was ist beim Fotografieren für Sie die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung ist für mich, ein Foto zu machen, das emotional anrührt oder zur Reflektion anregt. Meist entstehen solche Bilder nach einer intensiven Auseinandersetzung mit einer Thematik, erst dann setzt die Intuition ein. Die Schnelllebigkeit und Technikbegeisterung unserer Zeit sind nicht immer hilfreich für diesen Prozess. Oft ist das Einfache dem Komplexen überlegen.

Warum haben Sie sich für Schwarzweiß entschieden?

Schwarzweiß ist grafischer, unterstützt die Reflektion, lenkt weniger ab und reduziert auf das Wesentliche. Es gibt wundervolle Farbbilder, die auch unmittelbar Emotionen hervorrufen, allerdings geht es dann mehr um das Visuelle, um Kontraste und weniger um die Geschichte. Wir bevorzugen ja starke Farbeffekte, aber ich glaube wir setzen uns bewusst oder unbewusst mehr mit dem Thema auseinander, wenn das Foto Schwarzweiß ist.

Haben sie bereits weitere Fotoprojekte im Kopf?

Ich habe ständig neue Projekte im Kopf, mal möchte ich die Stumpfsinnigkeit einer Einkaufspassage zeigen, dann die Kontraste in einer Stadt wie Frankfurt. Ernsthaft arbeite ich gemeinsam mit Freunden an einen Bildband zum Thema Leidenschaft. Leidenschaft und Enthusiasmus sind starke Faktoren für Gesundheit und ein langes Leben. Solange wir für etwas brennen, hat das Leben einen Sinn. Also wollen wir Personen fotografieren, die „für etwas brennen“. Das werden durchaus auch Prominente sein, aber nicht nur. Diese intensiven Porträts sollen dann mit kurzen Texten unterlegt werden, die zeigen, was Leidenschaft ausmacht und wie sie sich auf das Leben auswirkt. Kann man Leidenschaft lernen?

Sven Barnow

Prof. Dr. Sven Barnow ist Psychologe, Psychotherapeut und Supervisor/Coach. Er leitet den Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie und die Ambulanz an der Universität Heidelberg. Er setzt sich seit vielen Jahren mit Emotionen, Emotionsregulation und deren Bedeutung für die körperliche und seelische Gesundheit auseinander und hat sich auch intensiv mit der Borderline-Störung beschäftigt. Zudem ist er seit seiner Jugend leidenschaftlicher Amateurfotograf.

Ausstellungen von Barnows Bildern sind in Heidelberg im Zentrum für Psychologische Psychotherapie und im Psychologischen Institut der Universität Heidelberg zu sehen. Die Ausstellung kann nach Voranmeldung (telefonisch unter 06221/547349) Montag, Mittwoch und Freitag von 15.00 bis 18.00 Uhr besichtigt werden. Außerdem wurden einige Fotografien im Buch „Therapie wirkt“ (Springer Verlag, 2012) publiziert. Sein Buch zum Thema Psychologie der Fotografie erscheint im September 2015 im dpunkt.verlag. Barnow wird ab 2016 auch Workshops anbieten. Einige Fotografien seiner Projekte findet man unter www.flickr.com
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