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BUCHTIPP

28.01.2021

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Ist Ihr Obstkorb gut bestückt, das Gemüsefach reich gefüllt? In Zeiten des Lockdowns, in denen wir mehr Zeit in der Küche verbringen, lohnt ein prüfender Blick auf die Lebensmittelvorräte umso mehr. Denn sie sind nicht nur schnöde Nahrungsmittel, sondern können noch anderem kreativen Zeitvertreib dienen. Hilfestellung geben uns die kleinen Foto-Skulpturen von Henry Rox, die nun acht Jahrzehnte nach ihrem Entstehen neu entdeckt werden können. Knallbunt und in nostalgischer Farbigkeit kommen die charmanten Obst- und Gemüsefiguren daher, die er von den späten Dreißiger- bis in die Fünfzigerjahre im amerikanischen Exil geschaffen hat. In akribischer Feinarbeit formte Rox die Skurrilität des Alltags in fantasievollen Figurenarrangements ab, sein Material waren dabei vor allem diverse Früchte und Gemüse.
So entstanden beispielsweise eine Lauchstangen-Diva, ein singendes Bananen-Ensemble, ein Birnen-Violinist oder ein Karotten-Elefant. Doch der Schöpfer ging noch weiter, indem er ganze Geschichten in einem Bild einfing: Erinnern der Möhren-Reiter unter Selleriepalme nicht an den stolzen Don Quijote oder das Apfelmännchen an den unglücklichen Sohn Wilhelm Tells, bei dem der Pfeil diesmal gehörig daneben ging? Man sieht die fast kindliche, verspielte Lust von Rox, aus dem Material überraschende Transformationen zu gestalten, die nur ein paar Kleinigkeiten wie Knopfaugen, Ärmchen oder Schleifen brauchten, um zu großartigen Kleindarstellern zu werden.
Der Schöpfer dieser erstaunlichen, von ihm als „Photo-Sculptures“ bezeichneten Werke stammte ursprünglich aus Berlin: Henry Rox kam 1899 unter dem Namen Heinrich Rosenberg als dritter Sohn einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin-Schöneberg zur Welt, studierte Kunstgeschichte und Bildhauerei und war in Berliner Künstlerkreisen und im Kunstleben bestens vernetzt. Das nationalsozialistische Regime beendete seine Karriere als Bildhauer und Innenarchitekt. Mit seiner Frau, die als Journalistin im Kulturbetrieb arbeitet, gelang ihm 1934 die Flucht nach London, andere Familienmitglieder wurden später von den Nazis ermordet. In London muste er sich neu erfinden. Er zeichnete, modellierte, fotografierte und erste Arbeiten mit Früchten entstanden, die dann auch Kinderbücher illustrierten. 1939 emigrierte das Ehepaar in die USA, lebte in South Hadley, rund 150 Kilometer nordwestlich von Boston. Mühsam sicherte der Künstler als Dozent den Lebensunterhalt. 1946 erhielt er unter dem Namen Rox die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1967, zwei Jahre nach seiner Emeritierung starb Henry Rox, seine Frau Lotte vier Jahre nach ihm. Sein Werk geriet in Vergessenheit.
Die wunderbare Publikation von Wolfgang Vollmer in der Fotohof edition, aktuell von einer Ausstellung begleitet, nimmt in ihrer Gestaltung den Charakter eines Kleinkinderbuchs auf: glanzlackierte, dicke, abgerundete Pappseiten konzentrieren sich in starker Farbigkeit ganz auf das Werk, erst das Beiheft liefert Informationen zum Leben und Werk des Künstlers. So freundlich-naiv die Bilder auch zunächst erscheinen, erhalten sie durch die Biografie ihres Schöpfers die notwendige Fundierung und lassen das Schicksal des aus ideologischen Gründen verfolgten Ehepaares Rox zu einem bemerkenswerten und berührenden Leseerlebnis werden. (Ulrich Rüter)

Wolfgang Vollmer
Henry Rox Revue. Fotografie 1935–1955
34 Seiten und 28-seitiges Beiheft, 64 Farb- und Schwarzweißabbildungen; Text: Wolfgang Vollmer, grafische Gestaltung: Sarah Kluder und Wolfgang Vollmer, deutsch/englisch. Fotohof Edition.

© HRAC (Henry Rox Archive Cologne), Fotohof edition 2020

Wolfgang Vollmer

Die Wiederentdeckung der Henry Rox Revue ist dem deutschen Fotografen, Sammler und Kurator Wolfgang Vollmer (*1952) zu verdanken. Zufällig war er im Internet auf den Karottenelefanten gestoßen und begann das Leben und die Kunst von Henry Rox zu recherchieren. Die wenigen Dokumente, Fotografien und Hinweise zum Ehepaar Rox fand er in verschiedenen Archiven in den USA und Europa.

Webseite

Im Salzburger Fotohof wird die Henry Rox Revue im Kontext der Ausstellung Wolfgang Vollmer. Projekte 2010–20 präsentiert (26. Januar bis 3. April 2021)
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