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PORTFOLIO

27.10.2020

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Am 22. Oktober wurden in Wetzlar die Gewinner des Leica Oskar Barnack Awards 2020 vorgestellt. Als Newcomer wurde der portugiesische Fotograf Gonçalo Fonseca für seine Serie New Lisbon ausgezeichnet, die einen Einblick in die derzeitige dramatische Wohnungssituation in der portugiesischen Hauptstadt gibt. Anhand von Einzelschicksalen zeigt die Serie die Folgen des fortschreitenden Verdrängungsprozess der oft seit Jahrzehnten in ihren Häusern lebenden Mieter. Immobilienspekulation, ausgelöst durch internationale Investoren und den Tourismusboom in Lissabon, haben dazu geführt, dass immer mehr Familien ihre Wohnungen verloren haben. Am Rande der Preisverleihung sprachen wir mit dem Fotografen über seine Motivation und die Hintergründe des Serie.

LFI: Zunächst einmal Gratulation zur LOBA Newcomer-Auszeichnung!
Gonçalo Fonseca: Danke. Es ist eine große Ehre für mich, diese einzigartige Auszeichnung zu erhalten. Ich danke all den Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren in Lissabon so großzügig ihr Leben mit mir geteilt haben. Ihnen möchte ich diesen Preis widmen. All jenen und allen, die unter der Immobilienkrise in meiner Heimatstadt Lissabon leiden.  

Wie sind Sie auf dieses Projekt gekommen?
Ich bin in Lissabon geboren und aufgewachsen. Als Jugendlicher hatte ich das Gefühl, dass die Stadt eine Art vergessener Schatz ist. Ab 2016 begann sich alles grundlegend zu ändern. Der Massentourismus hatte einen hohen Preis. Mit zunehmender Beliebtheit kamen Investmentfonds, die die Häuser der Menschen wie Vermögenswerte behandelten und manchmal ganze Wohnblöcke leer stehen ließen, wenn sie kauften und verkauften. Einen großen Teil des Jahres 2018 war ich in Indien, und als ich zurückkam, war ich beeindruckt davon, wie schnell sich meine Stadt aufgrund ihrer boomenden Popularität veränderte. Ich begann zu recherchieren und stellte fest, dass Lissabon im Ranking der Städte, in denen es für die Bewohner am schwierigsten ist, ihre Miete zu bezahlen, den sechsten Platz einnimmt, in Europa den ersten.

In Ihren Bildern zeigen Sie die Schicksale und Lebenssituationen der porträtierten Menschen und Familien sehr direkt. Wie haben Sie den Zugang zu ihnen gefunden?
Es war von Anfang an eine Herausforderung, mit den Menschen in Kontakt zu kommen. Glücklicherweise erhielt ich Unterstützung von lokalen Aktivistengruppen, die mir ein wenig bei der Kontaktaufnahme halfen. Andere habe ich selbst kennengelernt, als ich bestimmte Orte aufsuchte. Es war ein schwieriger Prozess, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihnen begreiflich zu machen, wie wichtig es ist, die Situation sichtbar werden zu lassen, in der sie leben, und dass ihre Geschichten erzählt werden müssen. Aber es ist natürlich nicht leicht, seine intimen Momente mit einem Fotografen zu teilen, der sie dann der ganzen Welt zeigen will. Viele Familien und Einzelpersonen haben diese Herausforderung angenommen, und ich bin ihnen für ihre Großzügigkeit absolut dankbar.

Werden Sie Ihr Projekt weiterverfolgen?
Auf jeden Fall. Einige Personen habe ich immer wieder besucht. Mit fast allen bin ich in Kontakt geblieben. Das bringt einige Herausforderungen mit sich, aber genau das ist meiner Meinung nach auch der Schlüssel zu besonderen Bildern. Ich sehe meine Verantwortung vor allem darin, den Betroffenen Sichtbarkeit zu geben. Und es wird nicht einfacher. Besonders jetzt, in dieser Zeit der Pandemie, in der wir alle zu Hause bleiben sollen, sieht man, wie wichtig es ist, einen würdigen Ort zum Wohnen zu haben.  
(Interview: Ulrich Rüter)

Weitere Motive aus Gonçalo Fonsecas Serie New Lisbon finden Sie in der LFI 8/2020.
In einem besetzten Haus in Lissabon; November 2019.
Ein Mann holt Habseligkeiten aus seinem Haus in Quinta de Santo António.
Emília, 93, ist seit zehn Jahren blind: „Ich bin hier geboren und habe in dieser kleinen Wohnung drei Jungen großgezogen. Wenn ich vertrieben werde, wie soll ich dann allein an einem anderen Ort überleben?“
Sonntagnachmittag in der Zona J, Fabiana (links) wohnt seit drei Jahren mit ihrer Mutter in einer verlassenen Wohnung in diesem Viertel
Die Luxus-Siedlung Prata in Marvila, ein Projekt des Star-Architekten Renzo Piano. Es ist das erste von zwölf Gebäuden, die „Lissabon revolutionieren“ sollen
Der älteste Sohn von Maria Pereira begutachtet ihren Hausrat, den ihr Vermieter in einem Lager deponiert hat. Die obdachlose Maria Pereira, 78, lebt derzeit im Haus von Verwandten
Mit dem Ziel, die letzten Mieter zu vertreiben, wurden die unbewohnten Wohnungen in dem Gebäude in Schutt und Asche gelegt
© Gonçalo Fonseca

Gonçalo Fonseca

Gonçalo Fonseca wurde 1993 in Lissabon geboren. Nach seinem Journalismusstudium (2011–2014) widmete er sich der Fotografie und absolvierte ein Postgraduiertenstudium zum Foto­journalisten. Seit 2017 berichtet er für internationale Maga­zine aus Spanien, Portugal, China und Indien. Er wurde bereits mehrfach ausgezeichnet.

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