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BUCHTIPP

16.10.2020

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Freiheit, Unabhängigkeit, Abenteuer: Das Leben und Reisen in Wohnmobilen und Caravans wird seit Jahren immer beliebter. Die Einschränkungen des internationalen Reiseverkehrs und die Folgen des Corona-Lockdowns in vielen Ländern haben den Trend zur individuellen Urlaubsgestaltung weiter gesteigert.

Noch konsequenter ist jedoch die Entscheidung, den festen Wohnsitz ganz aufzugeben und das Familienleben in ein mobiles Vehikel zu verlegen. In den USA ist das für viele längst gängige Praxis. Bei der Familie Reis war es vor allem der Wunsch, mehr Zeit als Familie zu haben und die Welt gemeinsam durch Reisen zu entdecken. Als Dotan Saguy das Mormonen-Ehepaar Greice und Ismael Reis und seine drei Kinder traf, lebte die Familie seit zwei Jahren in den USA. Sie war aus Brasilien eingewandert, hatte schnell ein Auskommen gefunden und sich alle materiellen Wünsche erfüllt. Doch der Traum von einem alternativen Lebensstil war größer: Greice und Ismael verkauften ihren Besitz und starteten mit den drei Kindern (damals zwei, fünf und zehn Jahre alt) ihren ganz persönlichen Roadtrip durch die USA. In Los Angeles blieben sie zehn Monate, schlugen sich mit Gelegenheitsjobs durch und erlebten erfreuliche Höhen, aber auch dramatische Tiefen ihrer selbstgewählten Aussteiger-Existenz.

In seiner Schwarzweißserie, aufgenommen mit Leica-M-Equipment, dokumentierte Saguy nicht einfach das Leben der Familie, sondern er wurde ein vertrauter Teil von ihr. So entstand ein Buch, das die Nähe und den Zusammenhalt der Familie zeigt, die sich trotz der Enge im umgebauten Bus die größtmögliche Freiheit erschloss. Für die Kinder offenbar ein Paradies, für die Eltern eine tägliche Herausforderung neben Essen, Spielen und Schulunterricht genügend Geld für dieses Leben aufzutreiben. So hat Saguy in seinem Buch auch keine Hymne auf die Freiheit voller Klischees und Wohlfühlbilder verfasst, sondern er zeigt auch die schwierigen Momente. Während der „drei höllischen Tage“, wie Ismael sie nennt, ging nicht nur der Bus kaputt und der Stellplatz verloren, sondern eines der Kinder musste nach einem Unfall in die Notaufnahme. Kein Geld, kein Benzin: Ismael sah sich gezwungen, betteln zu gehen. Die Entscheidung, ein viertes Kind abzutreiben, brachte das Paar dann an die Grenzen seines Zusammenhalts und stellte seinen mormonischen Glauben endgültig infrage.
Saguy hat sich im Buch für eine sehr dichte, direkte Erzählung entschieden. Den Fluss der immer doppelseitig, randlos gedruckten Bilder unterbrechen nur kleinformatigere, bunt gemusterte Seiten, auf denen die Familie aus ihrem Leben berichtet. Dieser Wechsel kontrastreicher Schwarzweißbilder und farbiger Papiere ergänzt sich perfekt.
Allein im Bezirk Los Angeles leben heute 16.000 Menschen in ihren Fahrzeugen. Nicht immer gewollt, oft sind die Autos nur die letzte Stufe vor gänzlicher Obdachlosigkeit. Bei Familie Reis war es die freiwillige Entscheidung, ihr Leben noch einmal ganz anders zu erfahren. Beim Durchblättern des Bildbandes wird die Unbeschwertheit und die unbezahlbare Freiheit der gemeinsamen Zeit als großer Reichtum sichtbar – trotz aller Widrigkeiten und Schicksalsschläge. Mit dem gleichzeitigen Blick des mitfühlenden Fotografen und genauen Beobachters ist Saguy eine sehr emotionale Darstellung der Lebensgeschichte einer ungewöhnlichen Familie geglückt. (Ulrich Rüter)

Dotan Saguy: Nowhere to Go but Everywhere
168 Seiten, 77 Duotone-Abbildungen und zwölf Farbseiten, 20 x 24 cm, englisch

Kehrer

Dotan Saguy

Dotan Saguy wurde in einem Kibbuz an Israels Grenze zum Libanon geboren. Er wuchs in Paris auf, lebte in New York und zog 2003 nach Los Angeles. 2015 gab er seine Karriere als Hightech-Unternehmer zugunsten seiner lebenslangen Leidenschaft für die Fotografie auf und studierte Fotojournalismus. Seine preisgekrönten Aufnahmen erscheinen in internationalen Magazinen, er unterrichtet Dokumentarfotografie an der Leica Akademie USA und ist Dozent für Street Photography. Sein erstes Buch Venice Beach erschien 2018 und wurde mit dem Deutschen Fotobuchpreis ausgezeichnet.

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