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BUCHTIPP

21.01.2020

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Das Fotografenduo Caimi & Piccinni, die bereits mehrere von der Kritik sehr gut aufgenommene Bücher veröffentlicht haben, startet eine Crowdfunding-Kampagne zur Veröffentlichung von „Güle Güle“, einer Fotoreportage aus Istanbul. LFI sprach mit Jean-Marc und Valentina über den Wechsel von der Schwarzweiß- zur Farbfotografie und wie es war, in der angespannten politischen Lage in der Türkei zu fotografieren.

LFI:Für Ihr jüngstes Projekt sind Sie zur Farbfotografie gewechselt. War das eine bewusste Entscheidung und wenn ja, was waren die Gründe dafür?
Caimi & Piccinni: Wir waren schon seit Langem daran interessiert, ein persönliches Projekt in Farbe zu machen. Als wir für das Projekt nach Istanbul zogen, spürten wir, dass die Geschichte, die wir erzählen wollten, Farbe brauchte. Unser Empfinden war richtig, uns erfasste ein Ausbruch unbändiger Energie, der aus jeder Situation strömte, in die wir gerieten, und aus der ganzen Stadt, die sich in einem tiefgreifenden sozialpolitischen Wandel befindet. Das reichte von der schwierigen Lage zunehmend marginalisierter Schichten – einschließlich der Flüchtlinge, der Kurden und der LGBTQ-Gemeinschaft – bis hin zur unbändigen Vitalität des türkischen Volks. Wir brauchten eine erweiterte Palette, um auf diese Vielfalt von Einflüssen reagieren zu können. Bei der Zusammenstellung von Güle Güle haben wir genau auf die Komposition der Farben geachtet, um sie mit all diesen emotionalen Nuancen zu synchronisieren. Wir nutzen explosive Rottöne, tiefe Blautöne, leuchtende Gelbtöne, gedämpfte Brauntöne. In der Tat war Farbe für uns eine große Entdeckung.

Wie unterscheidet sich die Arbeit in Farbe von der in Schwarzweiß?
Wenn man lange in Schwarzweiß fotografiert hat, ändert sich die Vorvisualisierung. Man nimmt jede Situation sofort in Hell-/Dunkel-Schattierungen wahr, sogar persönliche Gefühle beim Fotografieren ordnen sich in Graustufen. Das ist sehr interessant und man fühlt sich immer vertrauter und wohler damit. Wenn Farbe ins Spiel kommt, setzt sich die Welt in Bewegung. Ihr drittes Auge erwacht, Sie haben das Gefühl, dass ein Damm geöffnet wurde, um ein neues emotionales Reservoir zu füllen. Die Art und Weise, wie Sie die Realität betrachten, ändert sich entsprechend der neuen Sprache, in der Sie Bildern deklinieren. Als Schwarzweißfotograf begreift man die Möglichkeiten von Farbe als Ausdrucksmittel, ohne ihr Potenzial als selbstverständlich anzusehen.

In Ihrer bisherigen Arbeit haben Sie sich immer auf Subkulturen und auf Geschichten außerhalb des Mainstreams konzentriert. War das in Istanbul schwierig?
Istanbul und die gesamte türkische Gesellschaft verändern sich gerade tiefgreifend. Die Bevölkerung ist gespalten, während sie unter Druck eines Regimes mit eiserner Faust steht. Der Aufschwung eines weniger konzessionsbereiten Islams scheint der staatlichen Kontrolle und Macht zugute zu kommen. Es gibt Bevölkerungsgruppen, die sich diesem Rückschritt widersetzen, die progressiv und offen sind. Junge Menschen etwa oder marginalisierte gesellschaftliche Gruppen, die wirklich gefährdet sind. Subkulturen sind meist in der Lage, die ursprüngliche Wahrheit eines Orts zu verkörpern; sie sind frei von einer oft künstlich geschaffenen, ausgefeilten Mainstream-Ideologie. Für uns ist das ein natürlicher Prozess: Wir kommen immer mit Menschen in Kontakt und haben direkte, persönliche Erfahrungen mit den Protagonisten, die wir fotografieren. In Istanbul gingen wir von der kurdischen Community aus, zu der wir Kontakte hatten. Das war der Ausgangspunkt für eine unglaubliche und aufregende Vielfalt von Situationen, Orten und Menschen.

Wie haben Sie die politische Situation wahrgenommen? Waren Sie frei, Ihre Arbeit zu machen, oder waren Sie mit Einschränkungen konfrontiert?
Die Situation ist sehr angespannt. Istanbul wird hysterisch gentrifiziert, alte Viertel werden zerstört, um profitablere Luxuswohnungen zu bauen. Die Bevölkerung wird umgesiedelt, was das soziale Gefüge zwischen den Menschen, das für das Überleben der ärmsten Schichten so wichtig ist, abrupt zerstört. Manchmal gerieten wir in unangenehme Situationen, in denen man uns als Spione der Regierung sah. Aber wir wissen, dass es immer einen Weg gibt, Vertrauen aufzubauen und den Respekt der Menschen zu gewinnen. Wir sind jetzt auch clever genug, hoheitlichen Beschränkungen auszuweichen und zu vermeiden, ins Gefängnis gesteckt zu werden. Meistens jedenfalls.

Welche Kamera und welche Objektive haben Sie benutzt?
Wir haben eine Leica MP, ein 35er-Summicron und als Blitz den SF 40 verwendet, der für uns immer sehr wichtig ist. Wir wollten, dass unsere Ausrüstung kompakt, unauffällig, einfach und effektiv ist. Wir wussten, dass diese Kombination perfekt für uns ist. Es war eine unglaubliche Erfahrung.

Interview: Denise Klink

Wer dazu beitragen möchte, aus dem Project Güle Güle ein Fotobuch des renommierten französischen Verlegers André Frère in bester Qualität mit mehr als 125 Farbbildern entstehen zu lassen, kann noch für wenige Tage am Crowdfunding teilnehmen.
© Caimi Piccini, “Güle Güle”
© Caimi Piccini, “Güle Güle”
© Caimi Piccini, “Güle Güle”
© Caimi Piccini, “Güle Güle”
© Caimi Piccini, “Güle Güle”

Jean-Marc Caimi und Valentina Piccinni

Die beiden Fotografen arbeiten seit 2013 zusammen und entwickeln Projekte, die sich einerseits auf dokumentarische und andererseits auf persönliche Fotografie konzentrieren. Ihre Werke werden regelmäßig in der internationalen Presse veröffentlicht. Piccinni und Caimi haben zuvor drei Bücher veröffentlicht, Same Tense (Witty Kiwi Books), Daily Bread (T&G Verlag) und Forcella (Witty Kiwi Books), ein umfangreiches Werk über ein mafiöses Viertel in Neapel. Im Jahr 2017 erhielten sie das Gomma Grant (UK) für das Projekt This Land Is My Land über die verblassende ländliche Kultur im Süden Italiens als beste schwarzweiße Dokumentararbeit. Mit Rhome, auch in der LFI 6/2018 zu sehen, haben sie den FUAM Photobook Award 2018 gewonnen. The Burning Plain gewann 2019 den Zine Tonic Award.

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