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BUCHTIPP

30.09.2019

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Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Ehefrau, Schwager und Schwägerin, Neffen und Nichten: als Gruppe in verschiedenen Formationen und in einer langjährigen Chronologie vor der Großbildkamera aufgestellt. Alle Bilder sind schwarzweiß und vor neutralem Hintergrund aufgenommen. Diese Fotografien erzählen von der Familie Fukase, doch das Thema des Familienporträts ist universell und so werden in keinem Haushalt ähnliche Erinnerungsbilder der eigenen Familie fehlen, egal aus welchem Kulturkreis oder Kontext die Familie des Betrachters auch stammt: Sie berühren, erinnern an die eigene Geschichte. Und doch ist das Album der Familie Fukase, das nun nach seiner Erstveröffentlichung 1991 in einer Neuauflage vorliegt, ein ganz besonderes. Denn die 32 Familienbilder aus den Jahren 1974 bis 1989 variieren nicht nur das Familienbild einer wachsenden und sich später verkleinernden Familie, sondern der Fotograf experimentiert auch mit dem klassischen Sujet des Familienbilds.

Masahisa Fukase zählt heute zu den renommiertesten, aber in seiner Bildsprache auch radikalsten japanischen Fotografen seiner Generation. 1934 in Bifuko, Hokkaido, in eine Fotografenfamilie hineingeboren, lebte er seit den 1950er-Jahren in Tokio, kehrte aber regelmäßig in das Haus seiner Eltern, die ein erfolgreiches Fotoatelier führten, zurück. Auch im nun wieder vorliegenden Bildband ist eine Aufnahme des Elternhauses aus dem Jahr 1974 das erste Motiv der Serie, die 1990 mit einem letzten Motiv desselben Gebäudes beschlossen wird: Das Familienunternehmen hat seinen Betrieb eingestellt, die Fenster sind verschlossen, die Schriftzeiten und die Werbemarkise entfernt. Dazwischen liegen die Aufnahmen der Familienmitglieder: als Gruppe, zu zweit, allein. Wir sehen die Personen altern und verschwinden, so sind schließlich, nach ihrem Tod, Vater und Nichte nur noch als gerahmte Porträts in den Familienverband integriert.

Darüber hinaus gibt es weitere Besonderheiten, so verschwindet auch Fukases Ehefrau Yoko aus dem Gruppenporträt, wird allerdings durch eine Schauspielschülerin „ersetzt“, ihr Platz wird somit freigehalten. Die Trennung von seiner Frau war eine dramatische Erfahrung für den Fotografen, die er unter anderem in seinem bekanntesten und intensivsten Bildband Ravens (1986) verarbeitete. Und es gibt weitere Unterschiede zum klassischen Familienbild: Einzelne Familienmitglieder zeigen sich nackt oder in Unterwäsche. Und manchmal wenden sich die Porträtierten vom Betrachter ab, nur einzelne Mitglieder der Familie sind dem Betrachter zugewandt. Diese Unregelmäßigkeiten brechen die Chronologie der Jahre immer wieder auf, sind der Versuch des Fotografen mit Humor dem unabänderlichen Verstreichen der Zeit entgegen zu treten. Und diese Variationen lassen umso mehr Raum für Interpretationen und empathische Überlegungen. So wird diese vermeintlich private Familienchronik zu einer generellen Studie über Familie, Herkunft und Zusammengehörigkeit.

Kazoku, so der japanische Titel, war das letzte von ihm selbst veröffentlichte Buch des Fotografen. Bei einem schweren Sturz in seiner Lieblingsbar zog er sich ein Jahr später ein schweres Hirntrauma zu, von dem er sich bis zu seinem Tod 2012 nicht mehr erholen sollte. Family wurde so zu einem privaten Vermächtnis – der Fotograf selbst entschwand langsam aus dem Blickfeld der Fotografiegeschichte, während sein Werk immer mehr Wertschätzung erfuhr. Auch fast 30 Jahre nach seinem Erscheinen hat Family nichts von seiner speziellen Magie verloren. (Ulrich Rüter)

Masahisa Fukase - Family/Kazoku
96 Seiten, 34 Schwarzweißabbildungen
31 x 23 cm, englisch/japanisch, Mack Books

Auch als Special Edition verfügbar.

Masahisa Fukase

Masahisa Fukase wurde am 25. Februar 1934 in eine Fotografenfamilie hineingeboren, die für drei Generationen auf Hokkaido, der zweitgrößten Insel Japans, ein Studio betrieb. Auch nach seiner Ausbildung und dem Umzug nach Tokio blieb der Fotograf seiner Familie durch häufige Besuche verbunden und nutze seine Aufenthalte für ungewöhnliche Familienporträts. Im Mittelpunkt von Fukases Werk steht die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem nächsten Umfeld. Seine experimentellen Fotografie-Essays zählen heute zu den bedeutendsten künstlerischen Arbeiten aus Japan.

Fukase starb am 9. Juni 2012, doch bereits 1992 hatte ein schwerer Sturz, bei dem er sich ein Hirntrauma zuzog, seine Arbeit beendet. Ausstellungen und die Neuauflage seiner Bücher haben in den letzten Jahren zu einer verstärkten Wiederentdeckung des Fotografen geführt.
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