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BUCHTIPP

11.10.2019

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Wieder einmal droht die Staatspleite des hochverschuldeten Landes: Argentiniens Inflationsrate ist eine der höchsten weltweit und jeder dritte Argentinier lebt mittlerweile unterhalb der Armutsgrenze. Zwar wurde vom seit 2015 amtierenden Präsidenten Mauricio Macri „Null Armut“ versprochen, doch dieses Ziel ist längst verfehlt, denn die Armut ist in seiner Amtszeit noch weiter angestiegen und nun muss er sich vor der Präsidentschaftswahl Ende Oktober 2019 zunehmenden Protesten stellen. Auf den Straßen formiert sich aber nicht nur der Widerstand, sondern vor allem nachts sind hier auch die Auswirkungen der verfehlten Regierungspolitik erkennbar: Tausende von Müllsammlern sind jede Nacht in den Straßen von Buenos Aires unterwegs, um aus Weggeworfenem noch wiederverwertbare Materialien herauszufischen.

In seinem aktuellen Buch hat der finnische Fotograf Henrik Malmström, der seit einigen Jahren in Buenos Aires lebt, die Müllsammler zu seinem Thema gemacht. Allerdings porträtierte er sie nicht im klassischen Sinne, noch weniger interessierte ihn eine dokumentarische Reportage, sondern er hat für das „Müll-System“ eine überraschende Form gefunden: Im Mittelpunkt seiner Serie stehen einfach die großen schwarzen Mülltonnen selbst, deren Deckel die Sammler während ihrer Arbeit mit ganz unterschiedlichen Gegenständen offen halten. Nicht einfach nur Holzstöcke oder Rohre verhindern das Zufallen der schweren Deckel, sondern auch Schilder, ein Toilettendeckel, ein Koffer, eine Computertastatur, ein Regenschirm und immer wieder auch Bilder und Rahmen. Bezeichnenderweise findet sich unter diesen Bildern auch eine Reproduktion des Triptychons des Gartens der Lüste von Hieronymus Bosch, dessen Dreiteilung in den Garten Eden, das Paradies und die Hölle einen zynischen Kommentar zum Alltag der Müllsammler abzugeben scheint.

Weiterhin hat der Fotograf immer wieder auch die schrundigen Oberflächen der Mülltonnen in den Blick genommen – auf den hochglänzenden Buchseiten werden diese Flächen in tiefschwarzer Nacht zu kunstvoll-abstrakten Dekors. Ergänzt wird die Serie um wenige Motive, die einen Einblick in die tatsächliche Arbeit der Müllsammler geben. Mit seiner Kamera ist der Fotograf der nächtlichen Arbeit der Sammler ganz nahegekommen und hat so für das System des Müllrecycelns eine ungewöhnliche, aber überzeugende künstlerische Form gefunden. Die begleitenden Texte von Sergio Tonkonoff, Wissenschaftler an der Universität von Buenos Aires, erläutern das Müllsystem der Metropolen, beginnend bei den Erzeugern, die sich von scheinbar nutz- und wertlosen Dingen trennen, bis hin zu den Sammlern, die sich der Sammlung, der Klassifizierung und dem Verkauf des Mülls als Ware widmen.

Mit seinen Fotografien, die in den Jahren 2015 bis 2018 entstanden sind, hat Malmström nicht nur starke metaphorische Bilder für den Konsumkreislauf in den Städten gefunden, sondern sich auch eine ungewöhnlichen Buchgestaltung ausgedacht: Doppelseiten mit Motiven im Querformat sind mittig in Fadenheftung zusammengefügt. Da auch die Rückseite einer Doppelseite mit einem kompletten Querformat bedruckt ist, ist nur in der Mitte der acht Teilbücher ein Motiv als Ganzes zu sehen; auf allen anderen gegenüberliegenden Seiten sieht der Betrachter jeweils Hälften zweier unterschiedlicher Motive. Dabei hat Malmström seine Bildauswahl aber so geschickt getroffen, dass das auf den ersten Blick gar nicht auffällt – erstaunlicherweise funktioniert die Gestaltung des Bildbands ausgezeichnet. (Ulrich Rüter)

Henrik Malmström: Sistemas de Basura/Garbage Systems
Hardcover aus recyceltem Karton mit Siebdruckverfahren
128 Seiten, 14,7 cm x 21 cm, englisch/spanisch, Auflage 280 Exemplare

Herausgeber: Editorial SED

Henrik Malmström

Malmström, 1983 in Helsinki geboren, lebt und arbeitet derzeit in Buenos Aires. Seine Arbeit ist oft das Ergebnis der Interaktion mit seiner unmittelbaren Umgebung. Im Jahr 2010 veröffentlichte er sein erstes Fotobuch On Borrowed Time. Im gleichen Jahr zog er nach Hamburg, wo er eine Buchtrilogie entwickelte und vervollständigte: A Minor Wrongdoing, Life is One Live it Well und OK Cloth Shop, herausgegeben 2015 und 2018 von Kominek Booksin. Er ist Mitbegründer und Mitkurator der Müllkellergalerie, einer Kunstgalerie in einem Müllraum in Hamburg. Im Jahr 2015 gründete er Vaciarte, eine Plattform, die visuelle Kultur in der Buenos Aires fördert.

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