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BUCHTIPP

07.05.2019

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Legende, Realität, Heimatgeschichte? Eine Mischung daraus präsentiert Simon Brugner in seinem Bildband The Arsenic Eaters. Der österreichische Fotograf, Jahrgang 1983, hat sich auf eine Spurensuche begeben, auf der er der in der Steiermark bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts verbreiteten Praxis des Arsengenusses nachging.

Verharmlosend als das „Kokain des einfachen Mannes“ bezeichnet, war der Konsum dieser Substanz zwar weit verbreitet, aber ebenso ein gut gehütetes Geheimnis. Brugner nähert sich diesem Tabuthema auf verschiedenen Ebenen: mit aktuellen Bildmotiven, bei der auch eine Leica Minilux zum Einsatz kam, und durch historische Fotografien und Berichte. Diese Mischung passt zum Thema, denn so verweben sich die Fakten mit den visuellen Assoziationen zu einer spannenden Geschichte.

Bereits im letzten Jahr veröffentlicht, hat dieser Bildband allerdings erst in letzter Zeit breite Aufmerksamkeit erreicht. Ausgezeichnet mit dem Photobook Award der Foto Wien (2. Platz), ausgestellt in Gruppenausstellungen in Graz und Krakau und vor allem viel besprochen im Feuilleton – kein Wunder, denn das Buch behandelt ein ungewöhnliches, geheimnisvolles Thema und auch seine Gestaltung ist meisterhaft.

In einem giftigen Gelb kommt der Vinylumschlag des Bildbandes daher und ist auf den ersten Blick als solcher gar nicht zu erkennen, denn keine Fotografie ziert das Cover, sondern nur ein spröder Text, der eher an eine medizinische Abhandlung denken lässt. Dieser Ansatz wird dann auch im Buch weiterverfolgt, indem er die Bildfolge im zweiten Teil durch historische und wissenschaftliche Berichte ergänzt. 

In bestimmten Bergstollen der Steiermark konnte aus dem Mineral Arsenopyrit das Nervengift Arsen gewonnen werden. In kleinen Dosen verlieh dieser Stoff angeblich Kraft und Ausdauer und förderte sogar die sexuelle Stimulanz. Schwer arbeitende Holzfäller, Pferdeburschen und Bauernknechte schworen jedenfalls auf die besondere Wirkung des Mittels, sogar Pferden wurde es verabreicht, um sie besser verkaufen zu können. Dumm nur, dass das Gift oft kurze Zeit danach zum Zusammenbruch der Arbeitstiere führte. Und auch Menschen brachten Abhängigkeit oder eine Überdosis oft schnell den Tod.

Wie aber kann man etwas zeigen, von dem es keine Dokumentation gibt, dessen Existenz sogar ins Reich der Legende verwiesen wird? Brugner verführt den Betrachter: Er zeigt die unheimlichen Höhlen, enge Stollen, neblige Bergkuppen, aber auch merkwürdige Porträts, die als Sinnbilder der Verlockung und des Missbrauchs gedeutet werden können. Die Aufnahme einer sehnigen Hand oder der Muskeln einer feschen Wade erscheinen plötzlich gar nicht mehr so unschuldig, sondern eher verdächtig.

Und auch die historischen Bilder wirken in diesem Kontext nicht mehr neutral oder gar folkloristisch, sondern auch hier scheint die verbotene Spur des Arsens aufzublitzen – beim Betrachten dieser Bilder lässt es sich wunderbar frösteln. The Arsenic Eaters ist eine spannende Spurensuche mit faszinierenden Dokumenten und gelungenen Vexierbildern. Kein Wunder also, dass dieses Buch ein großer Erfolg ist. Glücklicherweise macht es nicht süchtig – aber sehr, sehr neugierig.(Ulrich Rüter)

Simon Brugner
The Arsenic Eaters
144 Seiten, zahlreiche Farb- und Schwarzweißabbildungen, 20,5 x 30 cm, englisch, The Eriskay Connection, Gestaltung: Rob van Hoesel, Auflage: 1250

Die Ausstellung You Are What You Eat mit Brugners Serie läuft noch bis zum 16. Juni während des Krakauer Fotomonats 2019.

Simon Brugner

Simon Brugner wurde 1983 in Hartberg, Österreich, geboren. An der Technischen Universität Wien erwarb er einen Master in Medientheorie und wurde 2014 in die Anzenberger Masterclass aufgenommen. 2016 erhielt er ein Stipendium des österreichischen Bundesministeriums für Kunst und Kultur. Er interessiert sich für forschungsbasierte Fotografieprojekte mit historischem Hintergrund, für die er neben eigenen Arbeiten auch historisches Material verwendet. Er lebt und arbeitet in Wien.

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