BUCH DES MONATS

09.01.2018

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Aleppo ist nach Damaskus die zweitgrößte Stadt Syriens und war schon immer nicht nur von großer historischer und kultureller, sondern vor allem auch wirtschaftlicher Bedeutung. Geteilt und zerrissen zwischen den Regimetruppen von Machthaber Baschar al-Assad und verschiedenen Rebellengruppen war Aleppo seit Sommer 2012 einer der dramatischsten Kriegsschauplätze des Landes. Heute liegen große Teile der Stadt in Trümmern. Als direkter Augenzeuge des Bürgerkriegs hat Katan das Leiden der Zivilbevölkerung im Ostteil seiner Heimatstadt dokumentiert.

Die Fotografien entstanden zwischen 2013 und 2015 und sind unmittelbare Momentaufnahmen der zwiespältigen und widersprüchlichen Erfahrungen und Emotionen der Menschen. Wie kann Alltag überhaupt stattfinden in der permanenten Ausnahmesituation des Krieges? Mit Yalla Habibi, was auf Arabisch in etwa bedeutet „Los, mein Schatz“, zeigt der Fotograf den Überlebenswillen der Bewohner, die mit Beharrlichkeit und Erfindungsreichtum versuchen, die Situation zu meistern und zu überleben. Die Aufnahmen sind direkt und schonungslos, zeigen Kriegsopfer und die Emotionen der trauernden Überlebenden. Daneben zeigt der Bildband Jugendliche beim Baden in Bombentrichtern, einen Mann, der sich um streunende Katzen kümmert oder einen improvisierten Gemüsestand inmitten der Trümmer. Kinderspiel, Freude, Wut, Trauer, Verzweiflung liegen nahe bei einander, so wie sich in jeder Sekunde die Situation der belagerten Stadt ändern kann.

Mit seinen Aufnahmen will der Fotograf die Sichtbarkeit der Eingeschlossenen erhalten: „Ich fühlte die Verantwortung zu dokumentieren, was um mich herum geschah. Da viele internationale Nachrichtenorganisationen aus Sicherheitsgründen aus dem Land zogen, wurde mir klar, wie wichtig es ist, die Ereignisse und Menschen in Aleppo nicht ungesehen zu lassen.“ Gewidmet ist das durch eine Kickstarter-Kampagne vorfinanzierte Buch der deutschen Fotografin Anja Niedringhaus, die 2014 in Afghanistan erschossen wurde – ihr Ansatz, auch den Alltag in Kriegszeiten zu dokumentieren, war Hosam Katan Vorbild und Ansporn zugleich. Ulrich Rüter

Hosam Katan: Yalla Habibi. Living with War in Aleppo
152 Seiten, 80 Farbabb., Englisch, 24 × 32 cm, Kehrer Verlag
Eine zerstörte Straße im Stadtteil Saif al-Dawla im Norden von Aleppo, Mai 2015 © Hosam Katan
Ein Junge springt in einen mit Wasser gefüllten Bombenkrater im Stadtteil Al-Shaar, Juli 2014 © Hosam Katan
Menschen kaufen Früchte auf einem Markt, der vom einem Luftangriff des Regimes angegriffen wurde. Stadtteil Bustan al-Oasr, Oktober 2015 © Hosam Katan
In der Luft hängende Küchenutensilen nachdem das Haus von einer Fassbombe des Assad Regimes zerstört wurde. Februar 2014 © Hosam Katan
Hosam Katan: Yalla Habibi

Hosam Katan

Hosam Katan (*1994) begann bereits mit 18 Jahren als Fotograf für das Aleppo Media Center zu arbeiten. Kurze Zeit später verbreiteten sich seine Aufnahmen über die Agentur Reuters und wurden in zahlreichen internationalen Magazinen publiziert. 2015 wurde er schwer verletzt und verließ Syrien Ende 2015 über die Türkei und kam nach Deutschland, wo er heute an der Hochschule Hannover Fotojournalismus studiert. Seine Arbeit wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet.

www.hosamkatan.com
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