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BUCHTIPP

01.04.2020

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Es ist sicher eines der inspirierendsten Fotoprojekte dieses Frühjahrs: Ausgehend von einer unsichtbaren Fotografie, die der französische Philosoph Roland Barthes (1915–1980) in dem heute zu den Standardwerken der Fototheorie gehörenden Essay Die helle Kammer (La chambre claire) erwähnt, startete die Künstlerin Odette England eine Anfrage in der Fotografie-Community. Die Rückmeldungen waren enorm, die Ergebnisse sind nun in dem vielschichtigen, überzeugend gestalteten Bildband zu entdecken.

Kurz vor seinem Tod veröffentlichte Barthes mit Die helle Kammer einen Essay, der Generationen von Fotografen und Wissenschaftlern beeinflussen sollte. Kein spröder Theorieband, denn der Autor verbindet systematische Feststellungen zur Wahrnehmung der Fotografie mit bisweilen intimen Berichten. Das assoziative Buch war für Barthes auch eine Art Trauerarbeit, hatte er doch kurz zuvor seine Mutter verloren, mit der er fast sein ganzes Leben verbracht hatte. Im zweiten Teil seines medientheoretischen Diskurses beschreibt er eine Kindheitsaufnahme seiner Mutter Henriette, die als Wintergarten-Fotografie zur Legende wurde.

„Das war ich nun, allein in der Wohnung, in der sie kurz zuvor gestorben war, und betrachtete unter der Lampe diese Photos meiner Mutter, eins ums andere, vergegenwärtige mir Schritt für Schritt die Zeit mit ihr, auf der Suche nach der Wahrheit des Gesichts, das ich geliebt hatte. Und ich entdeckte sie. Die Photographie war schon sehr alt. Auf Karton aufgezogen, die Ecke abgestoßen, in einem verblassten Sepiaton ließ sie gerade noch zwei Kinder erkennen, die nebeneinander am Ende einer kleinen Holzbrücke in einem Wintergarten mit verglastem Dach standen. Meine Mutter war damals fünf Jahre alt (1898), ihr Bruder sieben. […] Ich betrachtete das kleine Mädchen und fand endlich meine Mutter wieder.“

Als einzige der in dem Essay erwähnten Aufnahmen ist die Wintergarten-!Fotografie! nicht abgebildet. In ihrer Beschäftigung mit der Hellen Kammer während ihres Aufenthaltes im ehemaligen Haus von Harry Callahan in Providence 2017, entwickelte England, die selbst auch fotografiert, ihre brillante Idee: „Ich wusste, dass, wenn ich etwas mit diesem Bild machen wollte, es eher eine visuelle als eine textliche Auseinandersetzung sein musste, denn in der Hellen Kammer beschreibt Barthes die Aufnahme ausführlich.“ Ihre Anfrage an Kollegen, Kuratoren, Kritiker und Freunde, ihr eine Idee, visuelle Interpretation oder zeitgemäße Assoziation zu Barthes’ Wintergarten-!Fotografie! zukommen zu lassen, machte schnell die Runde. Die Rückmeldungen waren zahlreich: von Stillleben, Landschaftsaufnahmen und natürlich vielen Porträts, von Polaroids, Schnappschüssen, gefundenen Fotografien bis hin zu aktuellen Arbeiten und reflektierenden Texten.

Knapp 200 Antworten auf Englands Anfrage sind nun in dem Bildband versammelt. Entstanden ist eine äußerst anregende Reflexion über das Medium der Fotografie sowie ihre unterschiedlichen Ausprägungen und Verfahren. Eine kollektive Hommage, die auch in der Buchgestaltung bemerkenswert ist. Unterschiedliche Papiergrößen organisieren die Bild- und Textabfolge. Welcher Autor jeweils hinter den Beiträgen steht, wird erst am Ende verraten – ein Who’s Who der heutigen Fotoszene. Doch der Betrachter wird beim Durchblättern des Buches sicher noch ganz eigene Assoziationen entwickeln.

Über das Buch hinaus sollen die Beiträge auch als Ausstellung gezeigt werden. Geplant ist eine erste Präsentation des Projekts ab September im Houston Center for Photography. (Ulrich Rüter)

Odette England (Hrsg.)
Keeper of the Hearth. Picturing Roland Barthes’ Unseen Photograph.
Mit einem Vorwort von Charlotte Cotton sowie Essays von Douglas Nickel, Lucy Gallun und Phillip Prodger; Design: Cara Buzzell; 320 Seiten mit rund 200 Abbildungen, 24 x 28,5 cm, englisch.

Schilt Publishing
© Kelli Connell
© Lori Nix and Kathleen Gerber/ClampArt Gallery, New York
© John Houck
© Shawn Michelle Smith
© Terri Weifenbach/Blitz Gallery, Tokyo
© Grace Lau
© Rosalind Fox Solomon/Bruce Silverstein Gallery
© Andy Mattern/Elizabeth Houston Gallery

Odette England

Die australisch-britische Künstlerin wurde 1975 geboren, sie studierte an der Rhode Island School of Design in Providence und promovierte an der Australien National University in Canberra. In ihrer künstlerischen Praxis verwendet sie häufig Familienbilder. Sie hat eine Assistenz-Professur an der Rhode Island School of Design. 2015 war sie mit ihrer Monografie Lover of Home Finalistin für den Preis für das australische Fotobuch des Jahres. Sie ist Kuratorin ihres „Winter Garden Photograph“-Projekts, das nach der Veröffentlichung als Bildband auch als Ausstellung realisiert werden soll.

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