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ONE PHOTO – ONE STORY

09.04.2021

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„Im Mai 1968 stand ich ständig unter Hochspannung. Ich hatte nie genug Zeit, meine Fotos in Ruhe zu sortieren. Wenn die Demonstranten schlafen gingen, musste ich zurück in die Agentur und meine Filme entwickeln lassen, damit ich eine Auswahl treffen konnte. Es war ein grausamer Lebensrhythmus“, erinnert sich Bruno Barbey in dem Bildband Magnum Kontaktbögen. Gerade von einer langen Reise aus Südostasien zurückgekehrt, wurde der Fotograf im Mai 1968 mitten in die Straßenkämpfe hineingeworfen. Tag und Nacht war er unterwegs, seine Kleidung sei damals mit dem hartnäckigen Geruch von Tränengas durchtränkt gewesen, berichtet er. Barbey war 27 Jahre alt und fühlte sich im Einklang mit den Demonstranten, die den radikalen gesellschaftlichen Umbruch forderten. Fasziniert von der Wucht der Bewegung – so bekannte er später – verlor er erstmals etwas von seiner üblichen Distanz.

In diesen Wochen entstand auch das hier gezeigte Motiv in der Nähe der Bastille und noch heute gibt es ein Kino in der Rue de Lyon, No. 12. Police sur la ville lautete der französische Titel des damals gerade angelaufenen amerikanischen Kinofilms Madigan von Don Siegel (in Deutschland unter dem Titel Nur noch 72 Stunden gezeigt). Die Story spielt zwar im New Yorker Polizei-Milieu, die beiden Hauptdarsteller Richard Widmark und Henry Fonda sind hier Gegenspieler in der repressiven Polizeihierarchie, doch wird die heruntergerissene Fassadenwerbung für den Film zur Barrikade und in Barbeys Aufnahme zum Symbol der Pariser Straßenkämpfe.

„Damals waren praktisch keine Filmkameras vor Ort, das französische Fernsehen befand sich im Streik – also beherrschte das Standbild das Tagesgeschehen. Die Fotografie spielte in dieser Zeit eine wahrhaft zentrale Rolle“, so Barbey: „Damals pickte ich mir auf den meist nicht sonderlich gut entwickelten Kontaktbögen einfach schnell heraus, was auf den ersten Blick am interessantesten aussah.“ Erst 40 Jahre später sollte der Fotograf seine Kontaktbögen und Abzüge noch einmal für eine Ausstellung genau sichten und Dinge entdecken, die er zunächst übersehen hatte. Und erst 2018 – 50 Jahre nach dem Pariser Mai – erschienen seine Aufnahmen auch als Buch: Au cœur de Mai 68 (Les Éditions du Pacifique). Zu diesem Zeitpunkt galt Bruno Barbey, seit 1968 auch Vollmitglied der Agentur Magnum, längst als einer der renommiertesten französischen Fotografen, dessen Zeitzeugenschaft immer wieder Geschichte geschrieben hat. (Ulrich Rüter)

Bild: © Bruno Barbey/Magnum Photos


Die LFI 03/2021 präsentiert eine Werkauswahl von Bruno Barbey als Leica Klassiker.
© Bruno Barbey / Magnum Photos

Bruno Barbey

am 13. Februar 1941 in Berrechid, Marokko geboren. Französische und Schweizer Staatsbürgerschaft. Nach dem Studium an der École des arts et métiers in Vevey, Schweiz, lebte er als Fotograf in Paris. Seine Fotografien veröffentlichte er in allen wichtigen internationalen Magazinen und in über 30 Bildbänden. Mit seiner Frau Caroline Thiénot-Barbey zahlreiche Dokumentarfilme. Viele Ausstellungen und Ehrungen, darunter der französische Nationale Verdienstorden. 2016 wurde Barbey zum Mitglied der französischen Akademie der Schönen Künste berufen. Am 9. November 2020 in Roubaix verstorben.

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