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ONE PHOTO – ONE STORY

12.03.2019

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Am 11. Dezember 1994 gab der damalige russische Präsident Boris Jelzin den Befehl zur militärischen Intervention in Tschetschenien, um damit die 1991 erklärte Unabhängigkeit des Landes zu beenden. Zwei Wochen später kam es zum russischen Angriff auf die Hauptstadt Grosny.

Alain Keler war als Bildreporter bereits ab dem 12. Dezember im Land. In seinem gerade veröffentlichten Bildband „Journal d´un Photographe“ (Les Éditions de Juillet, Chantepie 2018) hat er auch einen Tagebucheintrag aus dieser Zeit veröffentlicht: „Ich bin in Tschetschenien im Krieg, allein und ohne Befehl, Angst im Magen. Bomben, Todesfälle … Überall herrscht Wahnsinn, ohne Pause und ohne Zufluchtsort.“ Über die Weihnachtstage fährt er zwar zurück zu seiner Familie nach Paris, doch er weiß bereits vorher: „Wenn die Feiertage vorbei sind, gehe ich zurück nach Grosny.“

Im Januar 1996 entstand dann das heute berühmte, fast surreal anmutende Bild in einem Park in Grosny: „Bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir das Hauptquartier der Armee, in einem der schönsten Parks der Stadt, der heute wie ein Schlachtfeld aussieht. Die erste Szene vor uns ist ein Soldat, der vor anderen Soldaten Klavier spielt. Surreal! Es ist fast kein Licht mehr vorhanden. Ich mache zwei Bilder mit sehr langer Belichtungszeit. Mein Film ist zu Ende. Ich werde ihn so schnell wie möglich wechseln. Aber das Tageslicht verschwindet. Ich drückte nur zweimal den Abzug. Ich muss warten, bis ich nach Frankreich zurückkehre, um herauszufinden, ob ich ein Bild habe.“

Im Labor dann die Sicherheit: es hat funktioniert – Keler hatte sein Bild: Ein Moment musikbegleiteter Ruhe mitten im Kriegsgeschehen. Ein geschundenes Klavier inmitten der schlammigen Ödnis eines ehemaligen Parks. Ein typisches Bild des Fotografen, der meist nicht die unmittelbaren Kriegsereignisse dokumentiert, sondern unerwartete Momente fotografiert. Dies macht die Fotografien Kelers so bewegend zeitlos, denn wenngleich das eigentliche Ereignis bereits Jahre zurückliegt, blickt der Betrachter mit der Empathie des Fotografen auf den Wahnsinn der kriegsversehrten Welt.

Keler ist bestimmt von dem Wunsch, Zeugnis abzulegen und den von historischen Großereignissen überrollten Menschen ein Gesicht zu geben. Sein aktueller Bildband erzählt davon. Ulrich Rüter

Bild: © Alain Keler/MYOP
Equipment: Leica M4

Lesen sie mehr über das fotografische Werk von Alain Keler in der LFI 2/2019
Hauptquartier der russischen Armee, Grosny, Tschetschenien, Januar 1995
© Elodie Richesse

Alain Keler

Alain Keler wurde am 20. September 1945 in Clermont-Ferrand geboren. Mit 17 Jahren beginnt er zu reisen, Anfang der 1970er-Jahre lebt er in New York, kauft dort seine erste Leica und übernimmt erste Fotoaufträge. 1975 Rückkehr nach Paris, dort startet seine Karriere bei den französischen Nachrichtenagenturen Sygma und Gamma. Ab den 1990er-Jahren entscheidet er sich für die Unabhängigkeit als freiberuflicher Fotograf. 1989 Gründungsmitglied der Agentur Odyssey; 2008 Eintritt in das Fotografenkollektiv MYOP. Viele Langzeitprojekte insbesondere über Minderheiten. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. World Press Award (1985), Grand Prix Paris Match du photojournalisme (1986) und W. Eugene Smith-Foundation Prize (1997).

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